Die Geschichte dieses Ortes
Hier war nur Wasser
Beim Rundgang um das Sluishuis vergisst man leicht, wie jung dieser Stadtrand ist. Das Gebäude steht an der Westseite von IJburg, genau dort, wo die bebauten Inseln in das offene IJmeer übergehen. Vom Kai aus scheint der Wohnblock aus dem Wasser aufzusteigen. Zwei Ecken sind angehoben, sodass Licht, Boote und Blickachsen unter dem Gebäude hindurchführen.
Das ist mehr als eine architektonische Geste. Es passt zu einem Viertel, das selbst aus dem Wasser entstanden ist. Wo heute Straßen, Gärten und Wohnblöcke liegen, befand sich am Ende des 20. Jahrhunderts noch das IJmeer. Amsterdam benötigte neue Wohnungen, hatte aber immer weniger Platz auf bereits vorhandenem Land. Deshalb richtete die Stadt den Blick nicht nur auf die bestehenden Stadtränder, sondern auf das Wasser selbst.
Ein Stadtviertel beginnt mit Sand
In den 1990er-Jahren entschied sich Amsterdam für die Entwicklung von IJburg, damals häufig noch Nieuw-Oost genannt. Der Plan umfasste eine Reihe künstlicher Inseln zwischen Zeeburgereiland und dem offenen IJmeer. Nicht nur Wohnungen, sondern auch Straßen, Brücken, Straßenbahnlinien, Schulen und Geschäfte mussten von Grund auf entworfen werden.
Die Anlage begann 1999. Anders als bei einer klassischen Trockenlegung wurde kein Ringdeich um ein großes Wassergebiet gebaut, um es leerzupumpen. Stattdessen wurde Sand auf dem Grund des IJmeers abgelagert, verteilt und verdichtet. Schicht für Schicht wurde der Boden angehoben, bis neues Land über der Wasseroberfläche entstand. Noch bevor das erste Haus entstehen konnte, musste die Stadt buchstäblich vom Seegrund aus aufgebaut werden.
Inseln aus Sand
So entstanden unter anderem Steigereiland, Haveneiland und die Rieteilanden. Der neue Boden musste sich zunächst ausreichend setzen, bevor Straßen, Leitungen und Gebäude angelegt werden konnten. Ende 2002 zogen die ersten Bewohner ein. Danach wuchs IJburg in Etappen weiter, mit unterschiedlichen Bebauungsdichten und Wohnformen auf den einzelnen Inseln.
Wasser blieb überall Teil der Gestaltung. Grachten, Häfen, Brücken, Stege und offene Ufer verbinden die Wohngebiete mit dem IJmeer. Manche Häuser stehen direkt am Wasser, andere blicken auf breite Innenhäfen oder schmale Kanäle. IJburg liegt daher nicht nur am Wasser. Der Stadtteil nutzt es als Wasserweg und Erholungsraum, aber auch als Teil des Stadtbildes und des öffentlichen Raums.
Ein Wohngebäude, das dem Wasser Raum lässt
Diese offene Beziehung zum Wasser ist rund um das Sluishuis besonders gut sichtbar. Das von Bjarke Ingels Group und Barcode Architects entworfene Gebäude wurde 2022 fertiggestellt. Es umfasst Hunderte Wohnungen, gemeinschaftliche Einrichtungen und einen Innenhafen. Der große Baublock entspricht dem städtischen Maßstab IJburgs, ist jedoch so geformt, dass das Wasser unter und durch den Komplex sichtbar bleibt.
Auf der Seite des IJmeers steigt das Gebäude terrassenförmig an. An anderen Stellen sind Teile des Baukörpers angehoben und Wohnungen ragen über das Wasser hinaus. Unter diesen hohen Ecken entstehen Durchgänge und Blickachsen zum Innenhafen. Die Grenze zwischen Gebäude, Kai und Wasser wird dadurch weniger deutlich. Das Sluishuis steht nicht einfach am Ufer, sondern bildet selbst einen Teil der Uferzone.
Zwischen Stadt und offenem IJmeer
Rund um das Gebäude liegen öffentliche Spazierwege, Stege und Sitzplätze. Vom Kai blickt man über das IJmeer in Richtung Durgerdam und Pampus. Dreht man sich um, sieht man die kompakte Bebauung von Steigereiland und Haveneiland. Offenes Wasser, neu geschaffenes Land und zeitgenössische Stadtarchitektur stehen hier unmittelbar einander gegenüber.
Die Anlage von IJburg war nicht unumstritten. Wohnungsbau, Erreichbarkeit und städtisches Wachstum mussten gegen Naturwerte, Wasserqualität und die offene Landschaft des IJmeers abgewogen werden. Gegner befürchteten Schäden an Lebensräumen und den Verlust offener Wasserflächen. Rund um die Inseln wurden deshalb auch Flachwasserzonen, naturnahe Ufer und neue Lebensräume geschaffen.
IJburg zeigt, dass moderne Landgewinnung niemals nur eine technische Leistung ist. Jede neue Landaufschüttung verändert Strömung, Wassertiefe, Aussicht und Lebensräume. Gleichzeitig entstehen Wohnungen und öffentliche Räume dort, wo zuvor nur Wasser lag. Die Grenze Amsterdams wurde hier nicht einfach nach außen verschoben, sondern neu gestaltet.
Gehe noch einmal um das Sluishuis herum und achte darauf, wie das Gebäude an jeder Seite anders auf das Wasser reagiert. An einer Seite bildet es eine feste städtische Wand. An der anderen öffnet es sich über dem Hafen und dem IJmeer. Es ist weder eine Schleuse noch ein traditionelles Wasserbauwerk. Dennoch fasst es den Kern von IJburg erstaunlich gut zusammen: Amsterdam schuf hier zuerst Land und baute darauf erst anschließend die Stadt, ohne das Wasser völlig aus dem Blick verschwinden zu lassen.