Die Niederlande und das Wasser
Wieringermeer und der Deichbruch von 1945
Die Wieringermeer war erst fünfzehn Jahre trocken, als die deutsche Besatzungsmacht am 17. April 1945 den IJsselmeerdeich an zwei Stellen sprengte. Innerhalb von zwei Tagen verwandelte sich der junge Polder erneut in ein Binnenmeer. Bauernhöfe, Häuser, Straßen und fast das gesamte Landwirtschaftsgebiet verschwanden unter durchschnittlich etwa 3,75 Metern Wasser. Hinter dem wiederhergestellten Deich erinnern zwei tiefe Kolke, der Dijkgatbos und ein Denkmal an die Stellen, an denen das Wasser eindrang. Am 11. Dezember 1945 fiel die Wieringermeer zum zweiten Mal trocken.

Warum hierher?
Am Denkmal an der Noorderdijkweg sind die Folgen der Überflutung noch unmittelbar im Gelände vorhanden. Der wiederhergestellte Deich beschreibt einen auffälligen Bogen um zwei tiefe Kolke, die vom einströmenden Wasser ausgeschürft wurden. Dahinter liegt der Dijkgatbos auf dem Sand, der beim Deichbruch im Polder abgelagert wurde. Vom Deich sind zugleich das höhere IJsselmeer und der deutlich tiefer liegende Agrarpolder zu sehen. Denkmal und Deich sind frei zugänglich; öffentliche Wege führen außerdem durch Teile des Waldes und in die Umgebung der Kolke.
Was sieht man?
Zu sehen sind ein kubisches Denkmal am IJsselmeerdeich, die gebogene Linie der wiederhergestellten Wasserwehr, zwei große Kolke und der Dijkgatbos. Wanderwege führen durch den Wald und an Teilen der Wasserflächen entlang. Von der Deichkrone ist der Höhenunterschied zwischen IJsselmeer und Wieringermeerpolder deutlich sichtbar. Die geradlinige Agrarlandschaft bildet einen starken Gegensatz zu den unregelmäßigen Gewässern, dem Relief und den bewaldeten Sandablagerungen.
Warum ist dieser Ort wichtig?
Die Wieringermeer ist ein außergewöhnliches Beispiel für Land, das dem Wasser zweimal abgewonnen werden musste. Die erste Trockenlegung war ein technisches und gesellschaftliches Experiment der Zuiderzeewerke. Die absichtliche Überflutung von 1945 zeigte anschließend, wie verletzlich selbst ein modern geplanter Polder blieb, sobald seine Wasserwehr geöffnet wurde. Die Kolke, der gebogene Ersatzdeich und der Dijkgatbos bewahren nicht nur Kriegsgeschichte, sondern zeigen auch, wie ein kurzes wasserbauliches Ereignis dauerhafte Formen in einer streng entworfenen Landschaft hinterlassen konnte.
Die größere Geschichte
Wer durch die Wieringermeer fährt, erlebt eine weite und auffallend regelmäßige Landschaft aus geraden Straßen, langen Entwässerungsgräben, großen Ackerflächen und innerhalb kurzer Zeit geplanten Dörfern. Fast alles wirkt beherrscht und entworfen. Gerade deshalb ist der Ort an der Noorderdijkweg so eindringlich. Hinter dem schnurgeraden IJsselmeerdeich liegen zwei tiefe, unregelmäßige Wasserflächen und ein Wald, der im ursprünglichen Polderplan nicht vorgesehen war. Sie entstanden, als der junge Polder im April 1945 absichtlich überflutet wurde.
Die Wieringermeer war Teil der Zuiderzeewerke, des nationalen Programms zur Verbesserung des Hochwasserschutzes und zur Gewinnung neuen Agrarlandes. 1927 begann der Bau des Polderdeichs. Die neue Wasserwehr schloss rund zwanzigtausend Hektar von der damals noch offenen Zuiderzee ab.
Am 10. Februar 1930 begannen die Pumpwerke Lely bei Medemblik und Leemans bei Den Oever, das eingeschlossene Wasser abzupumpen. Am 21. August fiel der Boden offiziell trocken. Damit wurde die Wieringermeer der erste große Polder der Zuiderzeewerke und der einzige, der noch vor der Fertigstellung des Abschlussdeichs unmittelbar aus der Zuiderzee gewonnen wurde.
Die Besiedlung erfolgte nach der Trockenlegung nicht spontan. Ingenieure entwarfen gerade Straßen, Hauptkanäle, Entwässerungsgräben und landwirtschaftliche Parzellen. Bauernhöfe erhielten feste Plätze auf großzügigen Grundstücken. Wieringerwerf, Middenmeer und Slootdorp entstanden als geplante Siedlungen. Auch die Kolonisten wurden sorgfältig nach Fachkenntnis, finanziellen Möglichkeiten, Familienzusammensetzung und Eignung für das Pionierleben ausgewählt.
Die ersten Jahre waren schwierig. Der Boden musste reifen, die Straßen waren noch einfach und viele Einrichtungen fehlten. Dennoch entwickelte sich der Polder rasch zu einem wichtigen Landwirtschaftsgebiet. Getreide, Kartoffeln, Rüben und andere Pflanzen gediehen auf dem jungen Boden. Innerhalb von fünfzehn Jahren entstanden Hunderte Bauernhöfe, Wohnungen, Schulen, Kirchen, Lagerhäuser und Werkstätten.
Während der deutschen Besatzung erhielt die offene Polderlandschaft eine unerwartete militärische Bedeutung. Die Besatzer betrachteten die Wieringermeer als mögliches Gebiet für alliierte Luftlandungen. Anfang 1945 wurden in verschiedenen Teilen der westlichen Niederlande Vorbereitungen für Überflutungen getroffen. Auch im Wieringermeerdeich wurden Sprengladungen angebracht. Die Furcht vor Luftlandungen spielte wahrscheinlich eine Rolle, doch die genaue militärische Abwägung ist nicht vollständig geklärt.
Am 17. April 1945 mussten die Bewohner den Polder verlassen. Rund siebentausend Einwohner und schätzungsweise ein- bis zweitausend Untergetauchte hatten nur wenige Stunden, um Besitz zusammenzupacken, Vieh wegzubringen und Schutz zu suchen. Viele konnten kaum begreifen, dass Land, das erst fünfzehn Jahre zuvor der Zuiderzee abgewonnen worden war, erneut dem Wasser preisgegeben wurde.
Gegen Viertel nach zwölf wurden an zwei Stellen des IJsselmeerdeichs Sprengladungen gezündet. Die ersten Öffnungen waren noch relativ klein, doch das einströmende Wasser fraß sich schnell durch Sand, Ton und Stein. Die Brüche wurden immer breiter und tiefer. Innerhalb von etwa zwei Tagen strömten schätzungsweise 700 bis 750 Millionen Kubikmeter Wasser in den Polder.
Die durchschnittliche Wassertiefe erreichte etwa 3,75 Meter. Straßen, Äcker, Hofstellen und Dörfer verschwanden unter einer neuen Wasserfläche. Nur Dächer, Kirchtürme, höhere Gebäude und Bäume ragten stellenweise noch heraus. Eine kleine Gruppe blieb auf De Terp, einer erhöhten Sandfläche bei Wieringerwerf, zurück. Andere suchten Schutz in Obergeschossen, im Büro der staatlichen Landverwaltung, auf Schiffen oder an anderen erhöhten Stellen.
Stürme am 20. April und Anfang Mai verursachten zusätzliche Zerstörungen. Gebäude, die den ersten Wassereinbruch überstanden hatten, wurden starkem Wellenschlag ausgesetzt. Mauern stürzten ein, Dächer verschwanden und Holzteile trieben davon. Das Denkmal an der Bruchstelle vermerkt, dass ungefähr achtzig Prozent der Gebäude vollständig zerstört wurden. Auch Maschinen, Vorräte, Hausrat und fast die gesamte landwirtschaftliche Saison 1945 gingen verloren.
An den beiden Deichöffnungen schürfte das Wasser tiefe Kolke aus. Sie erreichten Tiefen von etwa zwanzig und sechsundzwanzig Metern. Gleichzeitig wurde hinter dem Deich eine gewaltige Sandmenge abgelagert. Die unregelmäßigen Wasserflächen und Sandmassen passten nicht in das gerade Poldermuster und blieben nach dem Wiederaufbau als dauerhafte Narben sichtbar.
Da die Bevölkerung kurz zuvor gewarnt worden war, forderte die Überflutung nicht die großen Opferzahlen, die ein unerwarteter Deichbruch hätte verursachen können. Die Evakuierung war dennoch chaotisch und traumatisch. Familien wurden über Wieringen, Westfriesland und andere Teile Nordhollands verteilt. Viele kehrten vorübergehend zu Verwandten in jene Regionen zurück, in denen sie vor ihrer Ansiedlung im neuen Polder gelebt hatten.
Nur achtzehn Tage nach dem Deichbruch endete die deutsche Besatzung in den Niederlanden. Fast unmittelbar nach der Befreiung begannen die Vorbereitungen zur Wiederherstellung. Wegen ihrer Bedeutung für die Lebensmittelproduktion erhielt die Wieringermeer hohe Priorität. Die große Tiefe der Kolke erschwerte jedoch eine Reparatur auf der ursprünglichen geraden Linie.
Statt die Brüche vollständig zu verfüllen, wurde ein neuer gebogener Deich um die Kolke herum gebaut. Die beiden Wielen blieben dadurch hinter der neuen Wasserwehr liegen. Am 5. August 1945 war der Deich wieder geschlossen. Kurz danach begannen die Pumpwerke Lely und Leemans mit dem Auspumpen, unterstützt von provisorischen Werkspoorpumpen und leistungsfähigem amerikanischem Gerät.
Am 11. Dezember 1945 fiel die Wieringermeer zum zweiten Mal trocken. Schlamm, angeschwemmtes Material und Gebäudereste bedeckten das Land. Dass es sich um relativ süßes IJsselmeerwasser handelte, erwies sich als wichtiger Vorteil. Der Boden musste nicht jahrelang entsalzt werden, bevor Landwirtschaft wieder möglich war.
Der Wiederaufbau begann fast sofort. Straßen und Brücken wurden repariert, Notunterkünfte errichtet und Bauernhöfe neu gebaut. Im Frühjahr 1946 kehrten Hunderte Familien zurück und noch im selben Jahr wurde wieder geerntet. Die vollständige Wiederherstellung von Häusern, Geschäften, Schulen, Kirchen und landwirtschaftlichen Betrieben dauerte jedoch bis weit in die 1950er-Jahre.
Der beim Deichbruch hinter dem Deich abgelagerte Sand wurde nicht vollständig entfernt. Auf dem mageren und unregelmäßigen Gelände entstand der Dijkgatbos. Heute liegt hinter dem strengen Polderdeich eine geschützte Landschaft aus Bäumen, Relief, Wasser und geschwungenen Wegen. Ein kubisches Denkmal an der Noorderdijkweg nennt die wichtigsten Zahlen der Katastrophe.
Blicke vom Deich zunächst über das IJsselmeer und drehe dich dann zum viel tiefer liegenden Polder. Der Höhenunterschied macht verständlich, wie schnell sich das Wasser nach den Sprengungen ausbreiten konnte. Folge anschließend der gebogenen Linie des wiederhergestellten Deichs um die Wielen. Die Wieringermeer wurde einmal der Zuiderzee abgewonnen, fünfzehn Jahre später absichtlich überflutet und innerhalb von acht Monaten erneut trockengelegt. Der Dijkgatbos und die beiden Kolke bewahren den Ort, an dem ein sorgfältig geplanter Polder vorübergehend wieder zum See wurde.
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