Die Geschichte dieses Ortes
Ein junger Polder aus der Zuiderzee
Die Wieringermeer war der erste große Polder der Zuiderzeewerke. Als die Pumpwerke Lely und Leemans das Gebiet 1930 trockenlegten, entstand nicht nur neues Agrarland, sondern eine sorgfältig entworfene Landschaft. Straßen, Wasserwege, Bauernhöfe und Dörfer waren bereits geplant, bevor die ersten Bewohner eintrafen.
Für viele Pioniere bedeutete der Polder einen Neuanfang. Hier wurde erstmals in großem Maßstab sichtbar, dass die Niederlande das Wasser nicht nur zurückhalten, sondern sogar neues Land schaffen konnten. Wieringerwerf, Middenmeer und Slootdorp entstanden auf dem Grund der ehemaligen Zuiderzee. Bauernfamilien begannen neu, Kinder besuchten neue Schulen und entlang der geraden Straßen entwickelte sich langsam ein Alltag, der wenige Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wäre. Gerade deshalb wirkte das Geschehen im April 1945 wie ein gewaltiger Rückschritt.
Als das Wasser zurückkehrte
Am 17. April 1945 mussten die Bewohner den Polder verlassen. Die deutsche Besatzungsmacht sprengte den IJsselmeerdeich an zwei Stellen. Das Wasser brach mit enormer Kraft durch die Öffnungen und vergrößerte die Bruchstellen rasch.
Nach Augenzeugenberichten verschwanden gerade Straßen und Äcker innerhalb kurzer Zeit unter einer einzigen großen Wasserfläche. Bauernhöfe wurden zu kleinen Inseln und fünfzehn Jahre Pionierarbeit schienen in zwei Tagen verloren. Fast die gesamte Wieringermeer stand unter Wasser, und viele Bewohner verloren Haus, Maschinen, Ernte und Zukunft. Als sie später zurückkehrten, fanden sie keine vertraute Polderlandschaft vor, sondern ein leeres und beschädigtes Gebiet, aus dem nur Dächer, Bäume und höhere Stellen herausragten.
Eine zweite Trockenlegung
Unmittelbar nach der Befreiung begann der Wiederaufbau. Weil das einströmende Wasser tiefe Kolke ausgeschürft hatte, konnte der alte Deich nicht einfach auf seiner ursprünglichen geraden Linie repariert werden. Stattdessen wurde ein neuer Deich in einem sanften Bogen um die Wasserflächen gelegt. Diese Kurve ist bis heute deutlich sichtbar.
Nachdem der Deich am 5. August 1945 wieder geschlossen worden war, nahmen die Pumpwerke ihre Arbeit erneut auf. Am 11. Dezember fiel die Wieringermeer zum zweiten Mal trocken. Danach begann die langwierige Wiederherstellung von Bauernhöfen, Straßen, Feldern und Dörfern. Die Bewohner mussten nicht nur ihre Häuser, sondern auch ihren Alltag neu aufbauen. Dass ein vollständiger Polder zunächst dem Meer abgewonnen, dann absichtlich überflutet und anschließend erneut trockengelegt wurde, macht diesen Ort in der niederländischen Wasserbaugeschichte einzigartig.
Eine Landschaft, die die Geschichte bewahrt
Der Sand, der während des Deichbruchs hinter dem Deich abgelagert wurde, blieb größtenteils liegen. Später entstand auf diesem Boden der Dijkgatbos. So entwickelte sich mitten im streng geplanten Agrarpolder eine unerwartete Landschaft aus Bäumen, Relief, Wasser und geschwungenen Wegen. Die beiden tiefen Kolke sind bis heute die Narben des Deichbruchs.
Wer heute an der Noorderdijkweg entlanggeht, erlebt vor allem Ruhe. Radfahrer ziehen vorbei, Vögel fliegen dicht über das Wasser und der Dijkgatbos wirkt, als hätte er schon immer hier gelegen. Erst wenn du dem Bogen des Deiches folgst und den Höhenunterschied zwischen IJsselmeer und Polder bemerkst, wird die Geschichte sichtbar. Die Wieringermeer erzählt nicht nur von Krieg und Wiederaufbau, sondern auch von einer Landschaft, die dem Wasser zweimal abgewonnen wurde. Damit gehört dieser Ort zu den greifbarsten Wasser- und Kriegslandschaften der Niederlande.