Verschwundene Orte
Die verschwundene Inselwelt Wieringens
Wieringen liegt noch immer an derselben Stelle, doch die Inselwelt, die hier jahrhundertelang bestand, ist verschwunden. Das höher gelegene Land war von Wattenmeer, Amsteldiep und Zuiderzee umgeben und entwickelte eine eigene Landschaft aus gewundenen Straßen, Dörfern, Seegrasdeichen, Fischerhäfen und verstreuten Bauernhöfen. Im Jahr 1924 verband der Amsteldiepdijk die Insel mit Nordholland. Die Trockenlegung des Wieringermeers und der Bau des Afsluitdijk machten Wieringen anschließend zu einem Teil des Festlandes. Hügel, gewundene Straßen und unregelmäßige Fluren verraten noch immer die frühere Insel.

Warum hierher?
Auf Wieringen liegt die verschwundene Landschaft nicht unter Wasser oder Bebauung verborgen, sondern wurde in ein neues Ganzes aufgenommen. Vom erhöhten Gelände bei Westerland fällt der Unterschied sofort auf. Die frühere Insel besteht aus Hügeln, gewundenen Straßen, unregelmäßigen Parzellen, alten Weilern und Bauernhöfen auf höherem Boden. Daneben liegt Wieringermeer als flacher, geradliniger und geplanter Polder. Der Gegensatz zeigt nahezu ohne Erklärung, wo die Insel endete und das neue Land begann.
Was sieht man?
Bei Westerland blickt man vom erhöhten Teil der früheren Insel über eine leicht wellige Landschaft. Straßen umgehen alte Erhebungen und Bauernhöfe liegen verstreut zwischen unregelmäßigen Grundstücken. Im Süden und Südosten öffnet sich das deutlich flachere Land des Wieringermeers. Deiche, das Amstelmeer und gerade Polderstraßen kennzeichnen den Übergang zusätzlich. Die frühere Küste ist nicht überall ausgeschildert, doch Höhenunterschiede, Parzellierung und Straßenverlauf machen den alten Inselrand erkennbar. Die Landschaft ist von öffentlichen Straßen und Wanderwegen aus zugänglich; eine Führung, Reservierung oder Eintrittskarte ist nicht erforderlich.
Warum ist dieser Ort wichtig?
Wieringen zeigt, dass eine geografische Identität verschwinden kann, obwohl das Land selbst bestehen bleibt. Die Verbindung mit dem Festland erleichterte den Verkehr und bildete einen frühen Schritt der Zuiderzeewerke, beendete jedoch zugleich eine jahrhundertealte Insellage. Fischerei, Schifffahrt, die Ausrichtung auf das Meer und das Gefühl, ringsum von Wasser umgeben zu sein, verloren ihre Selbstverständlichkeit. Die Landschaft bewahrt damit sowohl die frühere Inselwelt als auch die Eingriffe, die sie beendeten.
Die größere Geschichte
Wieringen erscheint heute wie eine gewöhnliche Ausbuchtung der nordholländischen Küste. Straßen verbinden Hippolytushoef, Westerland, Stroe, Oosterland und Den Oever mit den umliegenden Poldern und über den Afsluitdijk mit Friesland. Eine Überfahrt mit dem Schiff ist nicht nötig. Dennoch war dieses höher gelegene Land rund acht Jahrhunderte lang eine eigenständige Insel. Das Land selbst besteht weiter, doch ein großer Teil des Wassers, das seine Grenzen bestimmte, ist verschwunden oder hat seinen Charakter verändert.
Der Kern Wieringens besteht aus Geschiebelehm und Sand, die während einer Eiszeit vom Landeis aufgeschoben wurden. Dadurch entstand ein welliges Gelände, das sich deutlich von den flachen Moor- und Tongebieten der Umgebung unterscheidet. Straßen folgten höheren Rücken und wichen Senken aus. Bauernhöfe und Weiler verteilten sich auf sichererem Boden. Diese alte Grundlage erklärt, weshalb Wieringen noch heute hügeliger und unregelmäßiger wirkt als die umliegenden Polder.
Wieringen war nicht immer eine Insel. Um das 11. Jahrhundert verschwanden große Teile des umliegenden Moores durch Erosion und Sturmfluten. Wasserläufe verbreiterten sich und das höhere Land wurde isoliert. Im Norden lag das Wattenmeer, im Süden die Zuiderzee und im Westen trennte das Amsteldiep Wieringen von der nordholländischen Küste. Eine Erhebung innerhalb einer größeren Moorlandschaft wurde zur Insel.
Das Wasser bestimmte danach den Alltag. Die Bewohner hielten Vieh auf den höheren Flächen, bewirtschafteten kleine Äcker und suchten einen Teil ihres Lebensunterhalts auf See. Fischerei und Schifffahrt verbanden Wieringen mit anderen Inseln, Küstenorten und Handelswegen. Den Oever entwickelte sich an der Ostseite zum Hafenort. An der gefährdeten Südküste entstanden Deiche zum Schutz tiefer liegender Flächen vor der Zuiderzee.
Ein besonderer Bestandteil war der Wierdijk. An der Seeseite wurden dicke Lagen aus getrocknetem und gepresstem Seegras gegen einen Erdkörper gesetzt. Holzpfähle hielten das Material an seinem Platz. Der Deich markierte nicht nur die Grenze zwischen Land und Wasser, sondern auch den Rand der bewohnbaren Inselwelt. Draußen lagen Schlickflächen, Untiefen und offenes Wasser; dahinter befanden sich Weiden, Wege und Bauernhöfe.
Die Inselbewohner waren nicht vollständig abgeschnitten. Fähren, Fischerboote und Frachtschiffe hielten Verbindungen zum Festland und zu anderen Orten rund um die Zuiderzee aufrecht. Dennoch hing jede Reise von Wasser, Wind und Gezeiten ab. Waren, Vieh und Reisende mussten übergesetzt werden. Das Meer war zugleich Verkehrsweg, Arbeitsplatz und Grenze.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Wieringen zum Ausgangspunkt eines Wasserbauprojekts, das das gesamte Zuiderzeegebiet verändern sollte. Nach der Zuiderzeeflut von 1916 wurde 1918 das Zuiderzeegesetz beschlossen. Bevor der große Afsluitdijk gebaut werden konnte, entstand zwischen Nordholland und Wieringen zunächst der Amsteldiepdijk. Der etwa zweieinhalb Kilometer lange Deich diente als Vorprojekt. Ingenieure sammelten dort Erfahrungen mit Techniken und Materialien, die später in größerem Maßstab eingesetzt wurden.
Am 31. Juli 1924 war die Verbindung fertiggestellt. Wieringen konnte nun ohne Schiff erreicht werden und verlor seine formale Insellage. Die Veränderung war noch nicht in alle Richtungen abgeschlossen. Im Süden lag weiterhin der Wieringermeer und im Osten begann die Zuiderzee. Dennoch war die erste Wassergrenze geschlossen und die Insel an einer Seite mit dem Festland verbunden.
Weitere Eingriffe folgten rasch. Ab 1927 wurde Wieringermeer eingedeicht und trockengelegt. Im Jahr 1930 fiel südlich und südöstlich Wieringens ein ausgedehnter Meeresboden trocken. Gerade Straßen, große Ackerflächen, Entwässerungsgräben und neue Dörfer ersetzten das Wasser. Wo Generationen über die Zuiderzee geblickt hatten, lag plötzlich eine flache und geplante Landschaft.
Gleichzeitig wurde bei Den Oever am Afsluitdijk gearbeitet. Am 28. Mai 1932 wurde die letzte Öffnung geschlossen. Die Zuiderzee wurde anschließend zum IJsselmeer und Wieringen zum westlichen Landkopf einer festen Verbindung mit Friesland. Innerhalb von weniger als zehn Jahren verwandelte sich eine jahrhundertelang vom Wasser geprägte Insel in ein Bindeglied zwischen altem Land, neuem Polder und einer nationalen Verkehrsroute.
Nicht nur die geografische Form änderte sich. Fischerei und Schifffahrt verloren einen Teil ihrer früheren Bedeutung. Das abgeschlossene Wasser wurde langsam süß und neue Arbeitsmöglichkeiten brachten Arbeiter und Bewohner aus anderen Regionen. Straßen machten tägliche Reisen über Land selbstverständlich. Mit dem Übergang von der Insel zum Festland verschwand deshalb auch eine eigenständige Lebenswelt.
Wieringen wurde dennoch nicht seiner Umgebung gleich. Wer von Wieringermeer auf die ehemalige Insel fährt, sieht, wie die geraden Linien des Polders in Höhenunterschiede, Kurven und unregelmäßige Grundstücke übergehen. Die alten Dörfer liegen nicht in einem geplanten Raster, sondern auf Gelände, dessen Nutzung von Boden und Wasser bestimmt wurde. Hecken, Hügel, historische Bauernhöfe und schmale Wege halten die frühere Insellandschaft erkennbar.
Bei Westerland ist der Unterschied besonders deutlich. Vom hohen Gelände blickt man über die Hänge der alten Insel auf das flache neue Land. Die Grenze ist keine verlassene Küste mit Muscheln oder Hafenpfählen mehr. Sie zeigt sich als Wechsel von Höhe, Parzellierung und Maßstab. Auf der einen Seite liegt eine Landschaft, die über Jahrhunderte entstand; auf der anderen ein Polder, der innerhalb weniger Jahre geplant und angelegt wurde.
Die verschwundene Inselwelt ist daher nicht an eine einzelne Ruine oder ein Denkmal gebunden. Sie liegt in der Form des gesamten Landes. Gewundene Straßen folgen alten Rücken, der Wierdijk erinnert an eine frühere Wassergrenze und Den Oever bewahrt seine Lage als Hafen am offenen Wasser. Amsteldiepdijk, Wieringermeer und Afsluitdijk zeigen zugleich, wie diese Welt geschlossen und eingegliedert wurde.
Blicke von Westerland nicht nur auf Dörfer und Bauernhöfe, sondern besonders auf den Übergang der Landschaft. Stelle dir südlich der Höhe statt Äckern und geraden Straßen Wasser bis zum Horizont vor. Dann wird sichtbar, was hier verschwand: nicht Wieringen selbst, sondern der Raum ringsum, der es jahrhundertelang zur Insel machte.
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