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Verschwundene Orte

Versunkenes Land bei Marken

An der Südseite von Marken endet die Insel heute am Deich, doch früher reichte das Land weiter hinaus. Auf bewohnten Warften lagen Thamiswerf, Houtemanswerf und Kraaienwerf, kleine Nachbarschaften, die im 18. Jahrhundert durch Deichbrüche, Abtragung und weiter landeinwärts angelegte Schlafdeiche verloren gingen. Heute liegt dort offenes Wasser. Historische Karten und kürzlich entdeckte Holzreste zeigen jedoch, dass hier nicht nur Boden, sondern eine bewohnte Landschaft verschwand.

Verschwundene OrteAlte LandschaftLandschaftsreliktLandschaft
Historische Karte von Marken aus dem Jahr 1793 mit dem früheren Inselumriss und den Deichen
Karte von Jan Peereboom aus dem Jahr 1793. Alte Küstenlinien und Deiche zeigen, wie sich die Form Markens durch Landverlust und zurückverlegte Wasserwehren veränderte.Quelle: Abbildung: Jan Peereboom, Noord-Hollands Archief, über Wikimedia Commons, gemeinfreiÄnderungen: Keine Änderungen.

Warum hierher?

An der Zuidkade wird deutlich, dass der heutige Umriss Markens keine selbstverständliche oder dauerhafte Grenze ist. Jenseits des Deiches lagen einst Felder, Gräben, niedrige Deiche und drei bewohnte Warften. Der Gegensatz zwischen der schmalen Insel, dem schützenden Deich und dem offenen Wasser macht den Verlust räumlich spürbar. Mit einer historischen Karte wird aus der scheinbar leeren Wasserfläche eine Landschaft, in der Menschen lebten, arbeiteten und sich immer wieder vor der Zuiderzee zurückziehen mussten.

Was sieht man?

Zu sehen sind die Zuidkade von Marken, Wiesen hinter dem Deich und das offene Wasser, in das die Insel früher weiter hineinreichte. Von Thamiswerf, Houtemanswerf und Kraaienwerf stehen weder Häuser noch erkennbare Warftkörper. Die wichtigsten Hinweise bilden die abrupte Küstenlinie, der landeinwärts verlegte Deich, historische Karten und archäologische Reste unter Wasser und im Boden.

Warum ist dieser Ort wichtig?

Das versunkene Land zeigt, dass eine Insel nicht durch eine einzige Katastrophe verschwand, sondern Stück für Stück kleiner wurde. Wenn ein Außendeich nicht mehr instand gesetzt werden konnte, entstand weiter landeinwärts ein neuer. Felder, Höfe und schließlich ganze Warften lagen danach ungeschützt vor dem Deich und wurden dem Wasser überlassen. Marken bewahrt damit eine seltene Landschaft, in der die heutige Küstenlinie zugleich alte Verteidigungslinie und Verlustgrenze ist.

Die größere Geschichte

Die Südseite von Marken scheint heute klar begrenzt zu sein. Hinter dem grünen Deich liegen Wiesen, Gräben und die verstreuten Warften der Insel; auf der anderen Seite beginnt das offene Wasser. Dieser scharfe Übergang lässt vermuten, Marken habe schon immer ungefähr seine heutige Form besessen. Historische Karten erzählen eine andere Geschichte. Jenseits des heutigen Deiches lag weiteres Land, auf dem drei bewohnte Warften standen: Thamiswerf, Houtemanswerf und Kraaienwerf.

Marken entstand in einer niedrigen Moorlandschaft, die ständig durch Wasser, Bodensenkung und menschliche Eingriffe verändert wurde. Seit dem Mittelalter wurde das Gebiet erschlossen und eingedeicht. Die Bewohner verteilten ihre Häuser nicht gleichmäßig über das Land, sondern konzentrierten sie auf erhöhten Wohnplätzen. Diese Warften boten Schutz, wenn Wasser über die niedrigen Deiche oder über das Land strömte. Rund um die Häuser lagen Höfe, Wege, Gräben, Weiden und kleine Deiche. Es waren keine isolierten Hügel in einer leeren Wasserfläche, sondern Teile einer bewohnten und genutzten Landschaft.

Die Deiche um Marken konnten die Zuiderzee nicht immer zurückhalten. Sie lagen auf weichem Torfboden, waren niedriger und leichter als moderne Hochwasserschutzanlagen und wurden bei Stürmen von Wellen und Hochwasser angegriffen. Wenn ein Deichabschnitt brach oder zu stark beschädigt war, konnte ein Rückzug sinnvoller sein als eine Reparatur. Dann wurde weiter landeinwärts ein neuer Deich angelegt. Dieser schützte die verbleibende Besiedlung, doch das Land zwischen alter und neuer Wasserwehr wurde aufgegeben.

So verschob sich die Grenze Markens mehrmals nach innen. Das Meer nahm nicht in einer einzigen Nacht eine ganze Insel fort. Zunächst verschwanden Teile der Weiden und des Außendeichlandes. Danach lagen Wege, Höfe und Gebäude immer näher am Wasser. Schließlich wurden auch bewohnte Warften isoliert oder unhaltbar. Houtemanswerf verschwand kurz nach 1703, Thamiswerf kurz nach 1720 und Kraaienwerf um 1775. Nach lokalhistorischer Einschätzung ging durch diesen langwierigen Prozess ungefähr ein Drittel der früheren Insel verloren.

Die verschwundenen Nachbarschaften blieben noch lange auf Karten verzeichnet. An der Südseite Markens sind dort vorspringende Landzungen, kleine Deiche und Wohnplätze zu erkennen, die außerhalb der späteren Küstenlinie liegen. Solche Karten zeigen, dass das heutige Ufer nicht der ursprüngliche Inselrand ist. Es entstand durch wiederholte Entscheidungen: reparieren, wo es noch möglich war, zurückweichen, wo die Schäden zu groß wurden, und hinnehmen, dass Häuser und Land außerhalb des neuen Schutzes lagen.

Die drei Warften verschwanden nicht spurlos. Im Boden und unter Wasser können Reste von Deichen, Uferbefestigungen, Gräben und Besiedlung erhalten geblieben sein. Vor der Verstärkung der Zuidkade fanden deshalb archäologische Untersuchungen statt. Ältere Daten wiesen bereits auf Zonen hin, in denen Reste der versunkenen Warften liegen könnten. Bohrungen, Radar und Sonar erbrachten zunächst jedoch kaum greifbare Spuren.

Das änderte sich 2023. Bei den Arbeiten holte ein Bagger fünf Kiefernbretter und einen Pfahl aus dem Wasser. Eine Jahrringanalyse ergab, dass das Holz im Herbst 1760 oder 1761 geschlagen worden war und aus dem Ostseeraum stammte. Unter Wasser befinden sich zwei parallele Reihen aus Brettern und Pfählen mit Lehm dazwischen. Die Konstruktion könnte Teil eines Deichkörpers, einer Uferbefestigung oder eines Palisadenschirms gewesen sein, der das Land vor weiterer Abtragung schützen sollte.

Da die Hölzer innerhalb des bekannten archäologischen Denkmals gefunden wurden und die beiden anderen Warften bereits vor 1760 verschwunden waren, gilt ein Zusammenhang mit Kraaienwerf als wahrscheinlich. Die genaue Funktion ist noch nicht geklärt. Möglicherweise gehörte die Konstruktion zu einem Deich südlich der Warft oder zu einem Schutzschirm an bereits bedrohtem Land. Gerade diese Unsicherheit passt zu einer Landschaft, von der nur einzelne Bestandteile unter Wasser erhalten sind.

An der Zuidkade ist von den drei Wohnplätzen oberirdisch nichts Eindeutiges zu erkennen. Es gibt keine Ruine und kein verlassenes Fundament ragt aus dem Wasser. Dennoch lässt sich das verlorene Land an der Form Markens ablesen. Der heutige Deich liegt weiter landeinwärts als ältere Wasserwehren. Die Insel endet plötzlich dort, wo früher noch Boden, Gräben und Häuser lagen. Die Wasserfläche vor dem Deich ist deshalb nicht leer, sondern bedeckt eine ältere Schicht der Insel.

Der offene Raum wird lesbar, wenn man die heutige Landschaft mit historischen Karten vergleicht. Vom Deich aus sollte der Blick nach Süden nicht nur der Wasserlinie folgen, sondern auch den Biegungen und der zurückweichenden Form der Küste. Hier standen keine große Stadt und kein steinernes Monument, sondern kleine Nachbarschaften, deren Fortbestehen von niedrigen Deichen und erhöhten Höfen abhing. Das Wasser vor Marken bezeichnet heute ihren Ort. Wo nur Wellen, Vögel und ein ferner Horizont zu sehen sind, reichte einst die Insel weiter.

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