Die Geschichte dieses Ortes
Eine Insel, die früher größer war
Die Südseite von Marken scheint heute klar begrenzt zu sein. Hinter dem grünen Deich liegen Wiesen, Gräben und die verstreuten Warften der Insel; auf der anderen Seite beginnt das offene Wasser. Dieser scharfe Übergang lässt vermuten, Marken habe schon immer ungefähr seine heutige Form besessen. Historische Karten erzählen eine andere Geschichte. Jenseits des heutigen Deiches lag weiteres Land, auf dem drei bewohnte Warften standen: Thamiswerf, Houtemanswerf und Kraaienwerf.
Marken entstand in einer niedrigen Moorlandschaft, die ständig durch Wasser, Bodensenkung und menschliche Eingriffe verändert wurde. Seit dem Mittelalter wurde das Gebiet erschlossen und eingedeicht. Die Bewohner verteilten ihre Häuser nicht gleichmäßig über das Land, sondern konzentrierten sie auf erhöhten Wohnplätzen. Diese Warften boten Schutz, wenn Wasser über die niedrigen Deiche oder über das Land strömte. Rund um die Häuser lagen Höfe, Wege, Gräben, Weiden und kleine Deiche. Es waren keine isolierten Hügel in einer leeren Wasserfläche, sondern Teile einer bewohnten und genutzten Landschaft.
Leben auf Warften
Die Deiche um Marken konnten die Zuiderzee nicht immer zurückhalten. Sie lagen auf weichem Torfboden, waren niedriger und leichter als moderne Hochwasserschutzanlagen und wurden bei Stürmen von Wellen und Hochwasser angegriffen. Wenn ein Deichabschnitt brach oder zu stark beschädigt war, konnte ein Rückzug sinnvoller sein als eine Reparatur. Dann wurde weiter landeinwärts ein neuer Deich angelegt. Dieser schützte die verbleibende Besiedlung, doch das Land zwischen alter und neuer Wasserwehr wurde aufgegeben.
So verschob sich die Grenze Markens mehrmals nach innen. Das Meer nahm nicht in einer einzigen Nacht eine ganze Insel fort. Zunächst verschwanden Teile der Weiden und des Außendeichlandes. Danach lagen Wege, Höfe und Gebäude immer näher am Wasser. Schließlich wurden auch bewohnte Warften isoliert oder unhaltbar. Houtemanswerf verschwand kurz nach 1703, Thamiswerf kurz nach 1720 und Kraaienwerf um 1775. Nach lokalhistorischer Einschätzung ging durch diesen langwierigen Prozess ungefähr ein Drittel der früheren Insel verloren.
Landverlust im 18. Jahrhundert
Die verschwundenen Nachbarschaften blieben noch lange auf Karten verzeichnet. An der Südseite Markens sind dort vorspringende Landzungen, kleine Deiche und Wohnplätze zu erkennen, die außerhalb der späteren Küstenlinie liegen. Solche Karten zeigen, dass das heutige Ufer nicht der ursprüngliche Inselrand ist. Es entstand durch wiederholte Entscheidungen: reparieren, wo es noch möglich war, zurückweichen, wo die Schäden zu groß wurden, und hinnehmen, dass Häuser und Land außerhalb des neuen Schutzes lagen.
Die drei Warften verschwanden nicht spurlos. Im Boden und unter Wasser können Reste von Deichen, Uferbefestigungen, Gräben und Besiedlung erhalten geblieben sein. Vor der Verstärkung der Zuidkade fanden deshalb archäologische Untersuchungen statt. Ältere Daten wiesen bereits auf Zonen hin, in denen Reste der versunkenen Warften liegen könnten. Bohrungen, Radar und Sonar erbrachten zunächst jedoch kaum greifbare Spuren.
Die verschwundenen Warften wiederentdeckt
Das änderte sich 2023. Bei den Arbeiten holte ein Bagger fünf Kiefernbretter und einen Pfahl aus dem Wasser. Eine Jahrringanalyse ergab, dass das Holz im Herbst 1760 oder 1761 geschlagen worden war und aus dem Ostseeraum stammte. Unter Wasser befinden sich zwei parallele Reihen aus Brettern und Pfählen mit Lehm dazwischen. Die Konstruktion könnte Teil eines Deichkörpers, einer Uferbefestigung oder eines Palisadenschirms gewesen sein, der das Land vor weiterer Abtragung schützen sollte.
Da die Hölzer innerhalb des bekannten archäologischen Denkmals gefunden wurden und die beiden anderen Warften bereits vor 1760 verschwunden waren, gilt ein Zusammenhang mit Kraaienwerf als wahrscheinlich. Die genaue Funktion ist noch nicht geklärt. Möglicherweise gehörte die Konstruktion zu einem Deich südlich der Warft oder zu einem Schutzschirm an bereits bedrohtem Land. Gerade diese Unsicherheit passt zu einer Landschaft, von der nur einzelne Bestandteile unter Wasser erhalten sind.
Die Küstenlinie als Grenze des Verlusts
An der Zuidkade ist von den drei Wohnplätzen oberirdisch nichts Eindeutiges zu erkennen. Es gibt keine Ruine und kein verlassenes Fundament ragt aus dem Wasser. Dennoch lässt sich das verlorene Land an der Form Markens ablesen. Der heutige Deich liegt weiter landeinwärts als ältere Wasserwehren. Die Insel endet plötzlich dort, wo früher noch Boden, Gräben und Häuser lagen. Die Wasserfläche vor dem Deich ist deshalb nicht leer, sondern bedeckt eine ältere Schicht der Insel.
Der offene Raum wird lesbar, wenn man die heutige Landschaft mit historischen Karten vergleicht. Vom Deich aus sollte der Blick nach Süden nicht nur der Wasserlinie folgen, sondern auch den Biegungen und der zurückweichenden Form der Küste. Hier standen keine große Stadt und kein steinernes Monument, sondern kleine Nachbarschaften, deren Fortbestehen von niedrigen Deichen und erhöhten Höfen abhing. Das Wasser vor Marken bezeichnet heute ihren Ort. Wo nur Wellen, Vögel und ein ferner Horizont zu sehen sind, reichte einst die Insel weiter.