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Verschwundene Orte

Die verschwundene Burg von Wijdenes

An der damaligen Küste bei Wijdenes stand im späten 13. Jahrhundert eine Burg des Grafen Floris V. Die Festung sollte seine Herrschaft in Westfriesland sichern und bestand vermutlich weniger als fünfzehn Jahre. Nach dem Tod von Floris im Jahr 1296 übergab der Burgverwalter die Anlage, woraufhin die Westfriesen sie vollständig abbrachen. Durch Küstenabtragung und die spätere Rückverlegung des Deiches geriet der ehemalige Bauplatz schließlich unter Wasser. Die genaue Lage blieb jahrhundertelang unbekannt. Im Jahr 2025 wurden rechteckige Strukturen und große mittelalterliche Backsteine auf dem Grund des Markermeers lokalisiert und überzeugend als Reste der Burg identifiziert.

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Fantasiezeichnung der verschwundenen Burg von Wijdenes aus dem 18. Jahrhundert
Jacobus Stellingwerff schuf im 18. Jahrhundert eine Fantasiedarstellung des Huis te Wijdenes. Die Burg war damals bereits seit mehr als vier Jahrhunderten verschwunden. Das Bild ist daher keine zuverlässige Rekonstruktion der mittelalterlichen Anlage.Quelle: Zeichnung: Jacobus Stellingwerff, nach Andries Schoemaker, Sammlung Westfries Archief, über Wikimedia Commons, gemeinfreiÄnderungen: Keine Änderungen.

Warum hierher?

Wijdenes bewahrt die Geschichte einer Burg, die fast ebenso schnell verschwand, wie sie errichtet worden war. Sie war kein friedlicher Adelssitz, sondern ein militärisches und politisches Machtinstrument im Konflikt zwischen Holland und den selbstständigen Westfriesen. Nach dem Tod von Floris V. wurde die Burg übergeben und abgebrochen. Später verschwand selbst der ehemalige Bauplatz unter Wasser. Vom Deich aus wirkt das Markermeer leer, doch auf seinem Grund liegen die Reste einer der am längsten gesuchten Burgen Nordhollands.

Was sieht man?

Von der Westfriesischen Omringdijk blickt man über das offene Markermeer, die flache Küste, Wiesen und den Hafen von Wijdenes. Von der Burg ist über Wasser nichts sichtbar. Die Reste liegen auf dem Seegrund und sind nicht zugänglich. Auch an Land sind keine Mauern, Gräben oder Burghügel zu erkennen. Die verschwundene Anlage wird vor allem durch die frühere Küstenlage, den strategischen Zugang vom Wasser und den später landeinwärts verlegten Deich verständlich.

Warum ist dieser Ort wichtig?

Die Burg von Wijdenes stand an einem Wendepunkt in der Geschichte Westfrieslands. Floris V. nutzte Befestigungen, um erobertes Gebiet zu kontrollieren, Nachschubwege zu sichern und eine dauerhafte gräfliche Präsenz durchzusetzen. Der rasche Abbruch von Wijdenes zeigt, wie wenig gesichert diese Herrschaft noch war. Die Identifizierung unter Wasser verbindet politische Geschichte mit Küstenerosion, Wasserwirtschaft und Archäologie. Ein Bauwerk, das als Zeichen der Unterwerfung gedacht war, wurde zunächst von Menschen zerlegt und anschließend durch die veränderte Küstenlandschaft verborgen.

Die größere Geschichte

Am Ende des 13. Jahrhunderts war Westfriesland noch keineswegs ein selbstverständlicher Teil der Grafschaft Holland. Die Bewohner verteidigten ihre Selbstständigkeit und widersetzten sich wiederholt den holländischen Grafen. Das flache Land mit Gräben, Sümpfen und schwer passierbaren Wegen machte Feldzüge teuer und gefährlich.

Der Konflikt hatte auch eine persönliche Dimension. Graf Wilhelm II., der Vater von Floris V., war 1256 während eines Feldzuges gegen die Westfriesen ums Leben gekommen. Sein Pferd brach bei Hoogwoud durch das Eis, woraufhin er getötet wurde. Sein Leichnam blieb jahrelang verborgen. Floris wuchs mit der Geschichte dieser Niederlage auf und machte die Ausweitung seiner Herrschaft über Westfriesland zu einem wichtigen Ziel seiner Politik.

Im Jahr 1282 zog Floris erneut gegen die Westfriesen. Der Überlieferung zufolge landete sein Heer bei Wijdenes an der Ostseite des Gebietes. Der Ort bot vom Wasser aus Zugang zu Drechterland und ins westfriesische Binnenland. Am 25. Juni 1282 stellte Floris in Wijdenes eine Urkunde aus. Daraus lässt sich schließen, dass die gräfliche Befestigung damals wahrscheinlich bereits bestand oder zumindest nutzbar war.

Die Burg wurde als Huis te Wijdenes oder Huis te Widenisse bezeichnet. Über ihre Gestalt ist noch immer wenig mit Sicherheit bekannt. Vermutlich handelte es sich um eine gemauerte Befestigung mit Raum für eine Besatzung und Vorräte. Ob die Anlage Türme, eine Vorburg oder mehrere Gräben besaß, lässt sich anhand der bisherigen Funde noch nicht zuverlässig bestimmen.

Wijdenes gehörte zu einer Reihe von Befestigungen, mit denen Floris seine Stellung in Nordholland stärkte. Auch bei Medemblik, Alkmaar und Krabbendam lagen gräfliche Burgen. Sie schützten Wege und Stützpunkte, hatten aber zugleich eine klare politische Bedeutung. Eine steinerne Burg zeigte, dass der Graf nicht nur mit einem Heer durchziehen, sondern seine Herrschaft dauerhaft festigen wollte.

Für die Westfriesen muss die Burg ein deutliches Zeichen gräflicher Macht gewesen sein. Ihr Bau erforderte Ziegel, Holz, Arbeitskraft und Nachschub. Von der Befestigung aus ließen sich Bewegungen entlang der Küste und Verbindungen ins Binnenland überwachen. Die Lage am Wasser ermöglichte die Versorgung per Schiff.

Floris weitete seine Herrschaft über Westfriesland schrittweise aus. Eine schwere Überschwemmung im Jahr 1287 schwächte und isolierte Teile des Gebietes. In den folgenden Jahren erkannten weitere Gemeinschaften seine Macht an. Schließlich ließ Floris auch den Leichnam seines Vaters bergen und überführen. Damit schien ein wichtiges persönliches und politisches Ziel erreicht.

Der Frieden hielt nicht lange. Floris V. wurde 1296 von Adligen gefangengenommen und bei Muiderberg getötet. Sein Tod schwächte die gräfliche Herrschaft und bot den Westfriesen Gelegenheit, die Zeichen holländischer Vorherrschaft anzugreifen.

Die Burg bei Wijdenes wurde damals von Boudewijn van Naaldwijk verwaltet. Als die Westfriesen heranrückten, übergab er die Anlage im Austausch für das Leben seiner Familie und sein eigenes. Anschließend brachen die Angreifer die Burg ab. Danach zogen sie weiter zum Huys te Nuwendore und nach Medemblik.

Der Abbruch von Wijdenes war offenbar so gründlich, dass die Burg nicht mehr in Gebrauch genommen wurde. Wahrscheinlich blieben nur niedrige Fundamente, loser Schutt und verstreute Backsteine zurück. Wie viel Material entfernt oder an anderer Stelle wiederverwendet wurde, ist nicht genau bekannt.

Auch die Küstenlandschaft veränderte sich weiter. Stürme, Wellenschlag und Abtragung griffen das Land vor Wijdenes an. Die Hofweide oder das Hofland, von denen ein Teil im 14. Jahrhundert außerhalb des Deiches lag, bewahrten möglicherweise die Erinnerung an das frühere Burggelände. Nach einer schweren Überschwemmung wurde der Deich bei Wijdenes im 15. Jahrhundert weiter landeinwärts verlegt.

Dadurch kann der ehemalige Burgplatz außerhalb der neuen Wasserwehr zu liegen gekommen sein. Gelände, das im 13. Jahrhundert noch trocken oder küstennah gewesen war, verwandelte sich anschließend in einen flachen Seegrund. Nicht nur das Gebäude, sondern schließlich auch der Bauplatz verschwand aus dem Blick.

Jahrhundertelang boten Karten, Flurnamen und lokale Erzählungen nur Hinweise. Auf manchen Darstellungen erschien ein burgähnliches Zeichen. Parzellen mit dem Namen Hofland wurden als mögliche Standorte vorgeschlagen. Keiner dieser Hinweise erbrachte jedoch einen überzeugenden Nachweis der genauen Stelle.

Im 20. Jahrhundert wurde systematischer gesucht. An Land fanden Bohrungen und andere Messungen statt, doch dabei wurden keine eindeutigen Burgfundamente oder Gräben festgestellt. Auch frühe Unterwasseruntersuchungen lieferten zunächst keine ausreichende Sicherheit. Das Huis te Wijdenes blieb daher eines der großen Rätsel des mittelalterlichen Westfrieslands.

In den 1990er-Jahren sahen Taucher Reihen großer Ziegel auf einer sandigen Erhebung im Markermeer. Die Steine ähnelten mittelalterlichen Klosterformatziegeln und könnten Teile von Mauern gebildet haben. Das trübe Wasser, Strömungen und wandernde Sandschichten erschwerten es später, den Ort wiederzufinden und genau zu vermessen.

Neue Untersuchungstechniken veränderten die Suche. Mit Sonar- und Multibeamgeräten ließ sich der Seegrund wesentlich genauer untersuchen. Dabei wurden rechteckige Muster sichtbar. Freiwillige Taucher untersuchten die Stelle anschließend weitgehend tastend, weil die Sicht unter Wasser nahezu null war.

Im August 2025 wurde bekanntgegeben, dass die Stelle überzeugend als die verschwundene Burg von Wijdenes identifiziert worden war. Große mittelalterliche Backsteine und Strukturen auf dem Seegrund bildeten rechteckige Muster. Die Kombination aus Lage, Material und Form entsprach dem, was von der verlorenen Anlage zu erwarten war.

Die Identifizierung beantwortet noch nicht alle Fragen. Die genaue Größe des Komplexes, die Anordnung der Mauern und möglicher Türme sowie die Menge der unter dem Sand erhaltenen Reste sind noch nicht vollständig bestimmt. Weitere archäologische und geophysikalische Untersuchungen müssen zeigen, wie die Burg tatsächlich aufgebaut war.

Die bekannte Zeichnung aus dem 18. Jahrhundert hilft dabei kaum. Jacobus Stellingwerff schuf eine Fantasiedarstellung einer Burg, die damals bereits mehr als vier Jahrhunderte verschwunden war. Das Bild zeigt, wie spätere Generationen sich die Anlage vorstellten, nicht wie sie nachweislich ausgesehen hat.

Vom Deich aus ist von den Resten nichts zu sehen. Das Markermeer liegt breit und offen vor der Küste. Unter dem Wasser befindet sich jedoch ein Ort, an dem innerhalb kurzer Zeit eine Burg gebaut, besetzt, übergeben und abgebrochen wurde. Der Seegrund bewahrt nicht nur die Reste einer verschwundenen Festung, sondern auch ein entscheidendes Kapitel im Konflikt zwischen Holland und Westfriesland.

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