Die Niederlande und das Wasser
Nordseekanal und Schleusen von IJmuiden
Wo früher die Dünen und das breite Tal der Breesaap lagen, verbindet seit 1876 eine direkte Wasserstraße Amsterdam mit der Nordsee. Der Nordseekanal ersetzte den langen Umweg über den Noordhollandsch Kanaal und ließ an seiner Mündung die neue Hafenstadt IJmuiden entstehen. Dort wuchs ein Schleusenkomplex, mit dem jede Generation größere Schiffe aufnehmen wollte: von der Kleinen Schleuse und der Südschleuse aus dem Jahr 1876 bis zur gewaltigen Zeeschleuse IJmuiden von 2022. Seeschifffahrt, Hochwasserschutz, Entwässerung und die Trennung von Süß- und Salzwasser treffen hier aufeinander.

Warum hierher?
In IJmuiden liegen fast 150 Jahre Seeschifffahrt und Wasserwirtschaft nebeneinander. Alte und neue Schleusenkammern, Tore, Betriebsgebäude, Hafenmolen, Entwässerungsschleusen und das große Pumpwerk bilden gemeinsam eine weitläufige technische Landschaft. Von öffentlichen Straßen und Aussichtspunkten lassen sich Seeschiffe beobachten, während sie zwischen Nordsee und Nordseekanal geschleust werden. Der Komplex ist zu groß, um ihn von einem einzigen Standort vollständig zu erfassen. Eine kurze Route zwischen mehreren Aussichtspunkten vermittelt daher mehr als ein einzelner Halt. Eine Führung oder Eintrittskarte ist nicht erforderlich.
Was sieht man?
Der Komplex umfasst mehrere Generationen von Schiffsschleusen. Die Kleine Schleuse und die Südschleuse stammen aus dem Jahr 1876, die Mittelschleuse aus 1896 und die Nordschleuse aus 1929. Dazwischen liegt die Zeeschleuse IJmuiden von 2022 mit einer etwa 500 Meter langen, 70 Meter breiten und 18 Meter tiefen Kammer. Hinzu kommen Entwässerungsschleuse, Pumpwerk, innerer Entwässerungskanal und Salzbarriere. Lange Hafenmolen reichen in Richtung Meer. Auf der Kanalseite bestimmen Seeschiffe, Schlepper, Industrie und die breite Wasserstraße nach Amsterdam das Bild.
Warum ist dieser Ort wichtig?
Der Nordseekanal verkürzte die Route von Amsterdam zur See von fast achtzig auf gut zwanzig Kilometer und stellte die internationale Erreichbarkeit des Hafens wieder her. Gleichzeitig entstand IJmuiden aus einer Baustelle in den Dünen. Der Schleusenkomplex wurde immer wieder erweitert, sobald neue Schiffe für die vorhandenen Kammern zu groß wurden. Neben seiner Funktion als Tor für die Schifffahrt ist der Komplex eine primäre Hochwasserschutzanlage und einer der wichtigsten Entwässerungspunkte Westniederlands. Im 21. Jahrhundert kam mit der Salzbarriere die Bekämpfung der Versalzung hinzu.
Die größere Geschichte
Mitte des 19. Jahrhunderts besaß Amsterdam einen großen Hafen, Lagerhäuser, Handelshäuser und internationale Ambitionen, aber keine gute direkte Verbindung zur Nordsee. Große Schiffe mussten über die flache Zuiderzee fahren oder den langen Weg durch den Noordhollandsch Kanaal nehmen. Dieser fast achtzig Kilometer lange Umweg über Den Helder dauerte selbst unter günstigen Bedingungen mehrere Tage.
Ein Kanal direkt durch die Dünen bei Velsen schien die naheliegende Lösung, war technisch jedoch ein außergewöhnliches Vorhaben. Zwischen dem IJ und der Nordsee lagen Polder, Teile des ehemaligen IJ und ein breiter Gürtel hoher Dünen. Das Gebiet, durch das der Durchbruch führen sollte, hieß Breesaap, ein weitläufiges Dünental mit einigen Bauernhöfen und nur wenig weiterer Bebauung.
1863 kam die endgültige Planung in Gang. Die Arbeiten wurden nicht unmittelbar vom Staat, sondern von der Amsterdamsche Kanaal-Maatschappij ausgeführt. Britische Ingenieure und Unternehmer wurden beteiligt, weil Großbritannien mehr Erfahrung mit großmaßstäblichem Erdbau, Hafenbau und moderner Baggertechnik besaß.
Am 8. März 1865 erfolgte bei Velsen der erste Spatenstich. Tausende Arbeiter gruben, baggerten und bewegten gewaltige Mengen Sand, Torf und Ton. Ein großer Teil des bestehenden IJ konnte in die Route einbezogen werden, doch die Öffnung zur Nordsee erforderte einen tiefen Einschnitt durch mehrere Kilometer Dünen.
Die Arbeiten veränderten die Landschaft grundlegend. Die Breesaap wurde durchschnitten und verschwand später weitgehend unter Kanalverbreiterungen, Hafenbecken und Industrie. An anderen Abschnitten wurden Teile des alten IJ eingepoldert. Der Verkauf dieses neuen Landes half, den kostspieligen Bau der Wasserstraße zu finanzieren.
An der Seeseite musste der Kanal mit Schleusen abgeschlossen werden. Ohne diese Barriere hätten Gezeiten, Sturmfluten und salziges Nordseewasser frei in den Kanal und das Hinterland eindringen können. Die Schleusen mussten Seeschiffe passieren lassen, zugleich aber den Kanalpegel beherrschen und die neue Öffnung in der Dünenküste als Wasserwehr schließen.
Rund um die Baustelle an der Kanalmündung entstand eine Siedlung für Arbeiter, Aufseher, Schiffer, Händler und ihre Familien. Sie erhielt den Namen IJmuiden: die Mündung des IJ. Der Ort existierte vor dem Kanalbau nicht, sondern wuchs unmittelbar aus dem Wasserbauprojekt hervor.
Am 1. November 1876 eröffnete König Wilhelm III. den Nordseekanal und die ersten Schleusen. Die Strecke zwischen Amsterdam und offener See verkürzte sich auf gut zwanzig Kilometer. Seeschiffe mussten nicht länger über die Zuiderzee oder den Umweg durch Den Helder fahren. Amsterdam erhielt damit die direkte Seeverbindung, nach der die Stadt seit Jahrzehnten gesucht hatte.
Der ursprüngliche Schleusenkomplex bestand aus der Kleinen Schleuse und der deutlich größeren Südschleuse. Für die Schiffe von 1876 waren diese Kammern geräumig, doch die Schiffsgrößen nahmen schnell zu. Bereits 1896 wurde die Mittelschleuse eröffnet. Innerhalb von zwanzig Jahren war also eine neue und größere Durchfahrt nötig.
Dieselbe Entwicklung wiederholte sich im 20. Jahrhundert. Dampfschiffe, Passagierschiffe und Frachter wurden länger, breiter und tiefer. 1929 wurde die Nordschleuse eröffnet. Mit einer etwa vierhundert Meter langen und fünfzig Meter breiten Kammer gehörte sie viele Jahre zu den größten Seeschleusen der Welt.
Auch der Nordseekanal selbst wurde wiederholt verbreitert und vertieft. Brücken verschwanden und wurden durch Tunnel ersetzt, sodass große Schiffe nicht mehr von geöffneten Brücken abhängig waren. An der Wasserstraße entstanden Hafenbecken, Lagerflächen, Werften, Energieanlagen und Schwerindustrie. IJmuiden entwickelte sich außerdem zum Fischereihafen und zum Zugangstor der Amsterdamer Hafenregion.
Der Schleusenkomplex hatte von Beginn an mehr Aufgaben als das Schutten von Schiffen. Er schloss die Öffnung in der Dünenküste und hielt Sturmfluten aus dem Nordseekanalgebiet fern. Gleichzeitig musste überschüssiges Süßwasser aus einem großen Teil Westniederlands über den Kanal zur See abgeführt werden.
1940 wurde dafür eine gesonderte Entwässerungsschleuse fertiggestellt. Bei ausreichend niedrigem Meeresspiegel konnte Kanalwasser im freien Gefälle abfließen. 1975 wurde neben dem Entwässerungskomplex ein großes Pumpwerk eröffnet. Damit ließ sich Wasser auch bei ungünstigem Außenwasserstand hinauspumpen. Der Spui- und Pumpkomplex wurde so zu einem unentbehrlichen Bestandteil der Wasserwirtschaft von Poldern, Städten und Flüssen weit im Landesinneren.
Während des Zweiten Weltkriegs zeigte sich die strategische Bedeutung der Kanalmündung. Im Mai 1940 wurde das Passagierschiff J.P. Coen in der Fahrrinne versenkt, um die Zufahrt zu blockieren. Unter der deutschen Besatzung wurde IJmuiden zu einem stark verteidigten Küstengebiet ausgebaut. Trotz Schäden, militärischer Bedrohung und Bewachung mussten die Schleusen funktionieren und der Wasserstand geregelt werden.
Nach dem Krieg kehrten Handels-, Fracht- und Passagierschiffe zurück. Öl, Getreide, Erze und andere Güter gelangten über den Kanal in die Hafenregion. Die Nordschleuse wurde zunehmend zum Engpass. Große Schiffe mussten warten und manche modernen Fahrzeuge konnten die vorhandene Kammer nur unter günstigen Bedingungen passieren.
2016 begann deshalb zwischen Mittel- und Nordschleuse der Bau der Zeeschleuse IJmuiden. Die Baustelle lag mitten in einem Komplex, der während der Arbeiten in Betrieb bleiben musste. Riesige Schleusentore, tiefe Baugruben und schwere Betonkonstruktionen entstanden, während Schiffe weiterhin durch die benachbarten Schleusen fuhren.
Am 26. Januar 2022 wurde die neue Zeeschleuse offiziell eröffnet. Ihre Kammer ist etwa 500 Meter lang, 70 Meter breit und 18 Meter tief. Sehr große Seeschiffe können dadurch die Amsterdamer Hafenregion erreichen und die Durchfahrt ist weniger vom Gezeitenstand abhängig. Die neue Schleuse übernahm die Hauptrolle der Nordschleuse, die sich dem Ende ihrer technischen Lebensdauer nähert.
Die Vergrößerung brachte ein neues Wasserproblem mit sich. Bei jeder Schleusung gelangt salziges Nordseewasser in den süßeren Nordseekanal. Da Salzwasser schwerer ist, sinkt es ab und kann als tiefe Salzwasserzunge weiter landeinwärts ziehen. Dies gefährdet Natur, Landwirtschaft und Trinkwasserproduktion.
Um diese Versalzung zu begrenzen, wurde im inneren Entwässerungskanal eine Salzbarriere gebaut. Durch eine tiefe Öffnung in der Konstruktion strömt das schwerere Salzwasser zum Spui- und Pumpkomplex und wird von dort zur See abgeführt. Das leichtere Süßwasser wird möglichst zurückgehalten und bleibt im Nordseekanal. Damit erhielt der Komplex eine weitere Funktion, die bei seiner Eröffnung 1876 undenkbar gewesen wäre.
Die heutige Landschaft zeigt fast 150 Jahre Größenwachstum und Anpassung. Die kleinen Schleusen des 19. Jahrhunderts liegen neben Mittelschleuse, Nordschleuse und der gewaltigen Zeeschleuse IJmuiden. Weiter entfernt befinden sich Entwässerungsschleuse, Pumpwerk und Salzbarriere. Achte besonders auf die Größenverhältnisse: Eine 1876 als geräumig geltende Schleuse wirkt neben den modernen Kammern fast bescheiden. Der Komplex ist kein abgeschlossenes Bauwerk, sondern ein System, das immer wieder an größere Schiffe, mehr Wasserabfluss, steigenden Meeresspiegel und eindringendes Salz angepasst wird.
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