Die Geschichte dieses Ortes
Eine Hafenstadt, die festlief
Wer heute am Noordhollandsch-Kanal entlangradelt, erlebt vor allem Ruhe. Wasser, Schilf, eine lange Straße am Ufer und gelegentlich eine Brücke, die sich langsam für ein vorbeifahrendes Schiff zur Seite schiebt. Im 19. Jahrhundert war dies jedoch kein stiller Rand Nordhollands. Es war eine geschäftige Verkehrsader voller Hufschläge, gespannter Seile, Rufe vom Deck und Menschen, die an der langsamen Fahrt zwischen Den Helder und Amsterdam ihren Lebensunterhalt verdienten.
Amsterdam lebte vom Meer, doch gerade diese Verbindung wurde immer schwieriger. Große Schiffe konnten die Stadt nicht mehr ohne Weiteres erreichen. Die Zuiderzee war flach, Fahrrinnen versandeten und Kapitäne waren auf Wind, Gezeiten und günstige Bedingungen angewiesen. Manchmal mussten Schiffe tagelang warten. Manchmal wurde ein Teil der Ladung auf kleinere Fahrzeuge umgeladen, bevor die Reise nach Amsterdam weitergehen konnte.
Für Kaufleute bedeutete das Verzögerung und Verlust. Für die Stadt bedeutete es eine Bedrohung ihrer Stellung. König Wilhelm I. wollte dies ändern. Er betrachtete Straßen, Kanäle und Häfen als Mittel, um die niederländische Wirtschaft voranzubringen. Der Ingenieur Jan Blanken erhielt daher den Auftrag, eine neue Schifffahrtsroute zwischen dem tiefen Hafen bei Den Helder und Amsterdam zu entwerfen.
Ein Kanal durch eine bestehende Landschaft
Der Kanal wurde nicht vollständig neu durch die Landschaft gegraben. Bestehende Kanäle, Seen und Wasserläufe wurden miteinander verbunden, verbreitert und vertieft. Dennoch veränderte das Projekt große Teile Nordhollands grundlegend. Wo der Kanal Straßen und Dorfverbindungen durchschnitt, entstanden Brücken. Wo der Kanal durch tiefliegendes Gelände führte, wurden Deiche verstärkt. Entlang fast der gesamten Strecke wurde außerdem ein Treidelweg für die Zugtiere und Treidler angelegt.
Am künftigen Kanalufer türmten sich nasser Lehm und Torf. Männer arbeiteten mit Spaten und Schubkarren, während der Aushub zu neuen Ufern und Deichen aufgeschüttet wurde. Der Kanal war daher nicht nur ein Entwurf von Ingenieuren und Verwaltern, sondern vor allem das Ergebnis Tausender Tage schwerer körperlicher Arbeit.
Pferde und Menschen am Zugseil
Nach der Eröffnung des Kanals fuhren die Schiffe nicht von selbst nach Amsterdam. Die Wasserstraße war schmal und kurvenreich genug, um das Segeln unpraktisch zu machen. Der Wind kam nicht immer aus der richtigen Richtung und hohe Masten bereiteten an Brücken und in Kurven Schwierigkeiten. Deshalb wurden viele Schiffe vom Treidelweg aus gezogen.
Am Ufer gingen Pferde in gleichmäßigem Tempo voran. Ein langes Zugseil verband das Schiff mit den Tieren auf dem Weg. Große Schiffe benötigten mehrere Pferde. Sie zogen stundenlang, während Schiffer und Knechte darauf achteten, dass sich das Seil nicht an Pfählen, Bäumen oder Brückenteilen verfing. In Kurven musste verhindert werden, dass die Leine über das Ufer scheuerte oder andere Verkehrsteilnehmer traf.
Rund um die Schifffahrt entstand so ein ganzes Geflecht von Berufen. Am Kanal verdienten nicht nur Schiffer, sondern auch Pferdehalter, Wirte, Brückenwärter und Lastträger ihren Lebensunterhalt.
Nicht jedes Schiff konnte von Pferden gezogen werden. Kleinere Boote und kurze Strecken wurden manchmal von Menschen gezogen. Mit einer Leine über Schulter oder Brust gingen sie gebückt am Wasser entlang. Meter für Meter zogen sie das Schiff vorwärts. Sobald ein Treidler langsamer wurde, spürte er das Gewicht des Schiffes unmittelbar im gespannten Seil.
Während die Treidler am Ufer vorankamen, mussten Schiff, Zugseil und Straßenverkehr an jeder Brücke neu aufeinander abgestimmt werden. Die Schwimmbrücken am Kanal glitten seitlich über das Wasser. Reisende mussten warten, Schiffer das Tempo drosseln und die Treidler verhindern, dass sich das Seil verfing.
Ein Großprojekt, das schnell an Bedeutung verlor
Als der Kanal 1824 eröffnet wurde, galt er als beeindruckende neue Verbindung. Große Seeschiffe konnten nun über Den Helder quer durch Nordholland nach Amsterdam fahren. Doch bald zeigte sich, dass sich die Schifffahrt schneller entwickelte als der Kanal. Die Schiffe wurden größer, tiefer und schwerer. Die Route blieb lang und kostspielig und die schmale Wasserstraße setzte dem Verkehr Grenzen.
Mit der Eröffnung des Noordzeekanaals im Jahr 1876 erhielt Amsterdam eine wesentlich direktere Verbindung zum Meer. Der Noordhollandsch-Kanal verlor damit seine Hauptrolle. Er blieb jedoch für die regionale Schifffahrt, die Wasserwirtschaft und später auch für die Freizeitnutzung in Betrieb.
Was heute noch am Wasser liegt
Wer heute bei Koedijk am Kanal steht, sieht keine Pferde mehr, die in gleichmäßigem Rhythmus am Ufer entlanggehen. Keine Knechte rufen, um ein Zugseil freizuhalten, und kein Wirt wartet mit einem frischen Gespann.
Die Brücke bewegt sich noch immer für vorbeifahrende Schiffe. Der Treidelweg liegt weiterhin am Wasser und die lange Sichtachse lässt ahnen, wie weit die Reise einst führte. Nur die fehlen, die einst die Schiffe zogen: die Pferde und die Menschen am Zugseil.