Verschwundene Orte
Das dritte Petten
Bis zum Zweiten Weltkrieg lag das dritte Petten rund um seine Kirche und den alten Friedhof. Das Küstendorf bestand aus niedrigen Häusern, Straßen, einem Rathaus, Geschäften, Schulen, Bauernhöfen und einer Kirche hinter der Seeverteidigung. Zwischen Juni 1943 und Mai 1944 wurden die Bewohner evakuiert und fast sämtliche Gebäude für den Atlantikwall abgebrochen. Auch die Kirche verschwand. Der Friedhof und Grabplatten aus dem Kirchenboden blieben erhalten. Zwischen 1946 und 1957 entstand etwas weiter nördlich ein neues Petten.

Warum hierher?
Der alte Friedhof zeigt, wie ein vollständiges Dorf verschwinden kann, ohne eine klassische Kriegsruine zu hinterlassen. Der Kirchhof umgab die Kirche mitten im bebauten Dorfkern. Heute stehen Nachkriegswohnungen ringsum. Historische Grabplatten, der frühere Kirchenstandort und der abrupte Übergang zur Wiederaufbaubebauung zeigen, dass nicht nur einzelne Häuser, sondern eine gewachsene Dorfstruktur verschwand.
Was sieht man?
Zu sehen ist der alte Friedhof von Petten mit niedriger Umfassungsmauer, Wegen, Grabdenkmälern, einem kleinen Leichenhaus und einer gesonderten Fläche mit historischen Grabplatten aus der abgebrochenen reformierten Kirche. Rundherum stehen Häuser der Wiederaufbauzeit und späterer Erweiterungen. Von Kirche, Rathaus, alten Dorfstraßen und Vorkriegshäusern ist oberirdisch nahezu nichts erkennbar. Der Friedhof bildet einen erhaltenen Kern in einem Dorf, das nach dem Krieg neu entworfen wurde.
Warum ist dieser Ort wichtig?
Das dritte Petten zeigt, dass der Atlantikwall nicht nur aus Bunkern, Geschützstellungen und Sperren bestand. Für die militärische Küstenzone wurden Bewohner evakuiert, Häuser enteignet und ganze Dorfkerne abgebrochen. In Petten war der Eingriff nahezu vollständig. Der Wiederaufbau brachte das Dorfleben zurück, nicht jedoch Straßenverlauf, Bebauung und räumliche Zusammenhänge von vor 1943. Der Friedhof ist einer der wenigen Orte, an denen sich das Petten der Vor- und Nachkriegszeit noch berühren.
Die größere Geschichte
An der Westseite des heutigen Petten liegt zwischen Häusern der Wiederaufbauzeit ein kleiner Friedhof. Seine niedrige Mauer, alten Grabdenkmäler und historischen Grabplatten wirken zunächst lediglich wie Reste eines älteren Kirchhofs. Bis zum Zweiten Weltkrieg lag hier jedoch das Herz eines Dorfes. Rund um den Friedhof standen Kirche, Häuser, Straßen und öffentliche Gebäude des dritten Petten.
Dieses Petten war selbst das Ergebnis früherer Verluste und Verlagerungen. Ältere Siedlungen waren durch Sturmfluten, Küstenabtragung und zurückweichende Seeverteidigungen verschwunden. Hinter der Hondsbossche und Pettemer Zeewering entstand erneut ein Dorf. Es lag nicht mehr an der ältesten Küstenlinie, blieb aber eng mit Meer, Deichunterhaltung, Fischerei und offener Küstenlandschaft verbunden.
Die Bebauung bestand überwiegend aus niedrigen Häusern an einfachen Dorfstraßen. Es gab eine Kirche, ein Rathaus, Geschäfte, Schulen, Bauernhöfe und kleine Betriebe. Die Gemeinschaft war überschaubar und die Kirche bildete ihren erkennbaren Mittelpunkt. Das Dorf war nicht groß, doch Häuser, Höfe, Straßen und öffentliche Gebäude bildeten gemeinsam eine über lange Zeit gewachsene Struktur.
Während der deutschen Besatzung wurde die Lage an der Küste zu einem militärischen Problem. Ab 1942 wurde entlang der westeuropäischen Küste am Atlantikwall gearbeitet, einer Verteidigungszone gegen eine alliierte Landung. Dörfer und Gebäude, die das Schussfeld einschränkten oder auf militärischem Gelände lagen, konnten geräumt und abgebrochen werden.
Für Petten waren die Folgen besonders schwer. Die Einwohner mussten ihre Häuser verlassen und andernorts Unterkunft finden. Zwischen Juni 1943 und Mai 1944 wurden Wohnhäuser, Bauernhöfe, Geschäfte und öffentliche Gebäude systematisch abgebrochen. Nur einige Gebäude außerhalb des eigentlichen Dorfkerns durften stehen bleiben. Vom alten Dorf blieb nahezu keine Bebauung erhalten.
Auch die reformierte Kirche musste verschwinden. Nach früheren Küstenverlagerungen war sie zum festen Mittelpunkt des Dorfes geworden, wurde jedoch 1944 auf Befehl der Besatzer abgebrochen. Damit verschwand nicht nur ein Gebäude, sondern auch der räumliche Bezugspunkt von Straßen, Kirchhof und täglichem Dorfleben.
Grabplatten aus dem Kircheninneren wurden bewahrt und später auf dem Friedhofsgelände zusammengebracht. Sie tragen die Namen von Menschen, die ursprünglich innerhalb des Gebäudes bestattet waren. Dadurch blieb ein tatsächlicher Teil der Kirche erhalten, obwohl Mauern, Dach und Turm verschwunden sind.
Der alte Friedhof und das kleine Leichenhaus blieben ebenfalls bestehen. Nach dem Abriss lagen sie isoliert in einer militärischen Küstenlandschaft. Bunker, Sperren und andere Verteidigungsanlagen hatten die Häuser ersetzt. Die alliierte Invasion, für die das Dorf entfernt worden war, fand an diesem Küstenabschnitt nicht statt.
Nach der Befreiung konnte Petten nicht einfach in seiner früheren Form wiederhergestellt werden. Die Gebäude waren verschwunden, das Gelände war verändert und Baumaterial war knapp. Im Jahr 1946 begann der Wiederaufbau. Für das neue Dorf entstand ein anderer Plan mit breiteren Straßen, neuen Wohnungen und Einrichtungen nach den Grundsätzen der Nachkriegsplanung.
Das neue Petten wurde etwas weiter nördlich gebaut. Zwischen 1946 und 1957 entstand ein neuer Ortskern mit mehr als hundert Wohnungen. Das Dorfleben kehrte zurück, doch der Vorkriegsgrundriss wurde nicht wiederhergestellt. Die neuen Straßen folgten anderen Linien und der frühere Zusammenhang zwischen Kirche, Friedhof, Rathaus und Wohnhäusern war verschwunden.
Auch die Lage des Friedhofs veränderte sich. Vor dem Krieg umgab er die Kirche mitten zwischen den Häusern. Im neuen Plan lag er zunächst am Rand. Spätere Bebauung umschloss ihn erneut. Der Friedhof blieb an derselben Stelle, während das Dorf um ihn herum seine Form vollständig veränderte.
Von den übrigen Teilen des dritten Petten ist oberirdisch wenig zu erkennen. Alte Fotografien zeigen schmale Straßen, Häuser aus Holz und Stein, Höfe, Zäune und die Kirche als festen Orientierungspunkt. Heute stehen in demselben Bereich Häuser der Wiederaufbauzeit und verlaufen moderne Straßen. Die Verbindung zwischen beiden Perioden liegt vor allem im erhaltenen Friedhof.
Das dritte Petten verschwand anders als die älteren Siedlungen. Nicht das Meer nahm das Dorf und keine Sturmflut war die unmittelbare Ursache. Die Zerstörung wurde im Voraus beschlossen, die Bevölkerung evakuiert und die Bebauung Gebäude für Gebäude abgetragen. Viele Häuser waren noch nutzbar, als sie verschwanden.
Der Wiederaufbau brachte das Dorfleben zurück, konnte aber die verschwundene Landschaft nicht wiederherstellen. Neue Wohnungen boten erneut Unterkunft, doch das frühere Netz aus Straßen, Nachbarschaften, Höfen und Orientierungspunkten war zerbrochen. Das heutige Petten ist daher sowohl Nachfolger des dritten Dorfes als auch sichtbares Ergebnis von Besatzung und Wiederaufbau.
Gehe zu den historischen Grabplatten und blicke anschließend auf die umliegenden Häuser. Stelle dir hier keinen stillen Ort am Dorfrand vor, sondern einen bebauten Ortskern mit Kirche, Rathaus, Straßen und Wohnungen. Der Friedhof lag nicht außerhalb des alten Petten. Er lag mitten darin. Nahezu alles um ihn herum wurde zwischen 1943 und 1944 entfernt.
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