Die Geschichte dieses Ortes
Zwischen zwei Wasserwelten
Der Afsluitdijk verläuft von Den Oever in Nordholland bis zur friesischen Küste bei Zurich. Auf mehr als dreißig Kilometern bildet er eine scharfe Grenze zwischen Wattenmeer und IJsselmeer. An seiner Nordseite bleiben Gezeiten, Strömung und Salzwasser spürbar. Südlich des Deiches liegt das IJsselmeer, dessen Wasserstand und Wasserabfluss deutlich stärker reguliert werden. Die Straße auf dem Deich macht diese Wasserscheide als eine lange, fast gerade Linie durch offenes Wasser sichtbar.
Die Zuiderzee war jahrhundertelang zugleich Lebensader und Bedrohung. Fischerdörfer lebten von Hering, Sardelle, Aal und anderen Fischarten. Handelsstädte nutzten das Wasser als Verbindung zur Nordsee und zu weiter entfernten Märkten. Gleichzeitig konnten Nordweststürme das Wasser hoch gegen die Deiche drücken und diese brechen lassen. Überschwemmungen, Küstenabtrag und der Verlust von Agrarland kehrten immer wieder.
Die Zuiderzee war außerdem flach und schwer befahrbar. Sandbänke, Fahrrinnen und wechselnde Wasserstände erschwerten immer größeren Seeschiffen den Weg nach Amsterdam. Pläne, Teile des Meeres abzuschließen oder trockenzulegen, bestanden deshalb bereits vor dem 19. Jahrhundert. Lange blieben sie jedoch zu teuer, technisch unsicher oder politisch nicht durchsetzbar.
Vom Plan zur Ausführung
Der Ingenieur Cornelis Lely entwickelte am Ende des 19. Jahrhunderts einen zusammenhängenden Plan. Ein Abschlussdeich bildete darin den notwendigen ersten Schritt. Dahinter sollte ein besser beherrschbarer Süßwassersee entstehen und mehrere große Polder angelegt werden. Der Plan verband Hochwasserschutz, Landwirtschaft, Schifffahrt und Süßwasserversorgung in einem einzigen Eingriff.
Nach der Sturmflut vom Januar 1916 wuchs die politische Unterstützung. Wasser drang an mehreren Stellen nach Nordholland ein und zeigte erneut, wie verletzlich das Gebiet um die Zuiderzee war. 1918 wurde das Zuiderzeegesetz verabschiedet. Es beauftragte den Staat mit der Abriegelung der Zuiderzee und der Trockenlegung einzelner Teile.
Der Bau des Afsluitdijk begann 1927. Gearbeitet wurde von Den Oever, von der friesischen Küste und von künstlichen Arbeitsinseln wie Breezand und Kornwerderzand aus. Sand bildete den Kern des Deiches. Geschiebemergel bildete eine schwere, wenig durchlässige Schicht, die Strömung und Wellenschlag besser standhielt. Basalt, Bruchstein und andere Materialien schützten die Außenseite.
Die Abriegelung und das neue IJsselmeer
Die Arbeiten schritten nicht nur als ein Deich von beiden Enden voran. An mehreren Stellen wurden einzelne Deichabschnitte angelegt, zwischen denen die verbleibenden Öffnungen immer kleiner wurden. Durch diese Schließlücken strömte das Wasser umso schneller, je weniger Raum verblieb. Die letzte Phase verlangte deshalb genaue Planung, gewaltige Materialmengen und ständige Anpassung an Strömung, Wind und Gezeiten.
Am 28. Mai 1932 wurde bei der Vlieter die letzte Öffnung geschlossen. Damit war die direkte Verbindung zwischen Zuiderzee und Wattenmeer unterbrochen. Ein Jahr später wurde die Straße über den Deich für den Verkehr geöffnet. Durch Flusszufluss, Niederschlag und Ableitung über die Sielschleusen wurde das Wasser südlich des Deiches allmählich süß. Aus der Zuiderzee wurde das IJsselmeer.
Bei Den Oever und Kornwerderzand entstanden große Schleusenanlagen zur Ableitung überschüssigen Wassers aus dem IJsselmeer, wenn der Wasserstand im Wattenmeer niedrig genug ist. Schiffsschleusen ermöglichen die Durchfahrt zwischen beiden Wassergebieten. Der Afsluitdijk ist daher nicht nur eine Barriere, sondern ein gesteuertes System, in dem Wasserhaushalt, Schifffahrt und Sicherheit fortwährend aufeinander abgestimmt werden.
Eine neue Landschaft mit neuen Folgen
Die Abriegelung erleichterte die Kontrolle des Wasserstandes und den Bau neuer Polder. Die Wieringermeer war bereits kurz vor der Schließung des Deiches trockengelegt worden. Später folgten der Noordoostpolder sowie Ost- und Südflevoland. Gemeinsam veränderten diese Arbeiten die Form der Niederlande, ihre Küstenlinie und die Verteilung zwischen Land und Wasser grundlegend.
Die Folgen waren nicht ausschließlich positiv. Fischergemeinden rund um die ehemalige Zuiderzee verloren ihre unmittelbare Verbindung zum Salzwasser. Die traditionelle Zuiderzeefischerei schrumpfte stark oder verschwand. Auch das Ökosystem wandelte sich. Salz- und Brackwasserarten wurden durch Süßwasserarten ersetzt, während Wanderfische fortan Schleusen und andere Barrieren überwinden mussten. Der Deich brachte Sicherheit und neues Land, beendete aber zugleich eine bestehende Wasserwelt.
Der Afsluitdijk erhielt außerdem militärische Bedeutung. Bei Den Oever und Kornwerderzand wurden Kasematten zur Verteidigung der Schleusen und der Straßenverbindung gebaut. Im Mai 1940 hielten niederländische Soldaten bei Kornwerderzand deutschen Angriffen stand. Das von Willem Dudok entworfene Vlieterdenkmal markiert die Umgebung, in der 1932 die letzte Lücke geschlossen wurde. Achte auf den Gegensatz zwischen seinem senkrechten Turm und dem langen waagerechten Deich.
Der Afsluitdijk ist kein Bauwerk, das der Vergangenheit angehört: Schleusen, Deckwerk und Deichkörper werden weiterhin an höhere Wasserstände, größere Abflussmengen und neue ökologische Anforderungen angepasst. Er schuf nicht nur eine Straßenverbindung über das Wasser, sondern zog auch eine Grenze, die ständig überwacht und immer wieder angepasst werden muss.