Die Hondsbossche Küstenschutzanlage und die erneuerte Küste bei Petten und Camperduin.

Seltsame Geschichten

Die Hexe aus dem Hasepolder

An der Küste bei Petten und Camperduin kämpfte man jahrhundertelang gegen Meer, Wind und Uferabbruch. Deiche brachen, Land verschwand, Vieh wurde krank und Stürme konnten eine Gemeinschaft in einer einzigen Nacht erschüttern. In einer solchen Landschaft bekam Angst manchmal ein Gesicht: das der Hexe, der Krankheit, Unglück und anderes unerklärliches Unheil zugeschrieben werden konnten.

©

Foto: Jan W.H. Werner

Credit: Foto: Jan W.H. Werner, über Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Lizenz: CC BY-SA 4.0

Änderungen: Keine Änderungen.

Quelle ansehen

Warum hierherkommen?

Stehen Sie an der Hondsbosschen Küste zwischen Petten und Camperduin, wo Meer, Wind und Deich jahrhundertelang bestimmten, ob Land bestehen blieb. Hier wurde der Kampf gegen das Wasser nicht nur mit Sand, Stein und später Wasserbau geführt, sondern auch in Geschichten von Schuld, Angst und dunklen Kräften in einer Welt, in der Unglück keineswegs selbstverständlich als Zufall galt.

Was ist zu sehen?

Zu sehen ist ein breiter Küstenstreifen mit Strand, jungen Dünen, der alten Linie der Hondsbosschen Küstenschutzanlage und Blick auf Meer, Polder und Deichlandschaft. Die Hexen sieht man nicht; sichtbar bleibt die Landschaft, die solche Geschichten nährte: eine harte Grenze zwischen Wasser und bewohntem Land, wo Sturm, Krankheit und Verlust einst nah genug waren, um eine übernatürliche Ursache zu bekommen.

Warum besonders?

Dieser Ort macht spürbar, wie Katastrophen, Wasserbau und Aberglaube in einer verletzlichen Meereslandschaft ineinandergreifen konnten. Die Hondsbossche Küste war nicht bloß Kulisse der Angst, sondern ihre Quelle: Deichbrüche, Uferabbruch, verschwundenes Land und bedrohte Dörfer machten das Wasser zum Feind. In einer solchen Welt konnte Unglück leicht ein Gesicht bekommen, und manchmal war dieses Gesicht das der Hexe.

Die Geschichte dieses Ortes

Wo das Meer das Land bedrohte

An der Hondsbosschen Küste scheint die Dunkelheit manchmal früh einzusetzen.

Nicht weil die Sonne hier schneller untergeht, sondern weil die See immer nahe bleibt. Zwischen Petten und Camperduin kann der Wind plötzlich drehen. Der Strandhafer beugt sich. Sand jagt über den Weg. Hinter den Dünen liegt der Polder niedrig und flach, kaum höher als das Wasser, das dort seit Jahrhunderten ferngehalten werden musste.

Ein Deich war hier niemals nur ein Wall aus Erde, Holz und Stein. Er war die schmale Grenze zwischen einer bewohnbaren Landschaft und der Nordsee. Solange er hielt, blieben Häuser, Äcker und Tiere an ihrem Platz. Wenn er nachgab, konnte ein Dorf verschwinden, Land versalzen und sich die Küstenlinie in einer einzigen Nacht verändern.

Petten kannte diese Gefahr nur zu gut. Stürme und Küstenabbruch zwangen das Dorf mehrfach, landeinwärts zu weichen. Bei der Elisabethenflut von 1421 verschwanden das damalige Petten und seine Kirche im Wasser. Auch danach blieb die Küstenschutzanlage gefährdet. Jede Verstärkung war notwendig, doch keine nahm die Angst für immer.

In einer solchen Landschaft bekamen unerklärliche Ereignisse leicht eine menschliche Ursache.

Die See war zu groß, um sie anzuklagen. Der Wind konnte nicht verhört werden. Ein Sturm konnte nicht vor dem Schöffengericht erscheinen. Eine Nachbarin dagegen schon. Eine Frau, die allein lebte, von ihrer Umgebung abwich oder schon länger misstrauisch betrachtet wurde, konnte nach Krankheit, Tod oder anderem Unglück ins Zentrum von Verdächtigungen geraten.

Eine Frau aus dem Hasepolder

Aus dem Hasepolder bei Petten ist ein Fall aus den Jahren 1665 und 1666 bekannt, in dem eine Frau mit Hexerei in Verbindung gebracht wurde. Die erhaltenen Hinweise reichen jedoch nicht aus, um daraus eine vollständige örtliche Hexengeschichte zu rekonstruieren. Wir wissen deshalb nicht, ob alle Motive späterer Hexenerzählungen tatsächlich zu diesem Fall gehörten. Es gibt keine verlässliche Grundlage für die Behauptung, sie habe Stürme gerufen, auf dem Deich Zusammenkünfte abgehalten oder sei durch die Nacht geflogen.

Was sichtbar wird, ist das Misstrauen einer Zeit, in der Unglück selten als bloßer Zufall akzeptiert wurde.

Wenn Unglück ein Gesicht bekommt

Im 17. Jahrhundert konnten Krankheit, misslungene Ernten, verendete Tiere und plötzliches Unheil der Zauberei zugeschrieben werden. Solche Beschuldigungen entstanden häufig nicht aus einem einzigen großen übernatürlichen Vorfall, sondern aus kleinen Konflikten, die sich anhäuften. Ein Streit an einer Tür. Eine Drohung, an die man sich später erinnerte. Ein Tier, das kurz nach einem Besuch erkrankte. Eine Bemerkung, die im Nachhinein wie ein Fluch klang.

Stellen Sie sich den Hasepolder an einem Abend vor, an dem der Himmel gelbgrau wird. Die Gräben liegen dunkel. Die Kühe stehen eng beieinander. Aus Westen kommt ein Geräusch, das zunächst nur Wind ist, aber langsam schwerer wird. In den Häusern werden die Fensterläden geschlossen. Jemand nennt einen Namen. Nicht weil es Beweise gibt, sondern weil Angst sich selten mit einer Ursache zufriedengibt, die kein Gesicht hat.

Vom Verdacht zur Hexe

Darin lag die wirkliche Gefahr einer Hexenbeschuldigung.

Ein Sturm zog vorbei. Ein krankes Tier starb oder wurde wieder gesund. Doch der Verdacht blieb an einem Menschen haften. Alles, was danach geschah, konnte ihn bestätigen. Ein fremder Blick wurde zu Feindseligkeit. Kräuterkenntnis wurde verdächtig. Einsamkeit wurde Heimlichkeit. Schweigen wurde Schuld.

Die Frau aus dem Hasepolder sollte deshalb nicht als Märchenhexe vorgestellt werden. Wahrscheinlicher ist, dass sie ein wirklicher Mensch war, der in ein Geflecht aus Gerüchten und Anschuldigungen geriet. Vielleicht war sie arm. Vielleicht stritt sie mit Nachbarn. Vielleicht kannte sie sich mit Tieren, Kräutern oder Geburten besser aus als andere. Vielleicht brauchte es nur jemanden, dem man das Unglück zuschreiben konnte.

In der breiteren europäischen Vorstellungswelt rund um Hexerei finden sich daneben bekannte Motive: verdorbene Milch, krankes Vieh, nächtliche Versammlungen, Katzen, Krähen und Frauen, die angeblich Wind und Wetter beeinflussen konnten. Solche Bilder passen zur ängstlichen Atmosphäre der Zeit, dürfen jedoch nicht alle als feststehende Bestandteile des Falls im Hasepolder gelesen werden.

Gerade diese Unsicherheit macht die Geschichte dunkler.

Es muss keine Frau durch den Sturm gehen, um zu verstehen, was hier geschehen konnte. Ein Gerücht genügte. Ein Verdacht konnte von Hof zu Hof ziehen und mit jeder Wiederholung fester werden. War eine Frau einmal als Hexe bezeichnet worden, musste sie nichts Auffälliges mehr tun. Ihre bloße Anwesenheit konnte genügen.

Die Hondsbossche Küste bildete dafür einen eindringlichen Hintergrund. Auf der einen Seite lag die Nordsee. Auf der anderen lagen niedrige Polder, Häuser und Bauernhöfe. Dazwischen stand eine Küstenschutzanlage, die über Jahrhunderte verstärkt, repariert und neu errichtet werden musste. Die Gefahr des Wassers war wirklich. Gerade deshalb ließ sich in der Vorstellung leicht etwas Menschliches oder Übernatürliches danebenstellen.

Wenn der Deich ächzte, das Vieh unruhig wurde und Regen gegen die Läden schlug, war es einfacher zu glauben, jemand habe dem Sturm geholfen, als anzuerkennen, dass die gesamte Landschaft von Lehm, Holz, Arbeit und Glück abhängig war.

Was die Landschaft noch erzählt

Heute sieht die Küste anders aus. Vor der alten Küstenschutzanlage liegen breite neue Dünen. Es gibt Rad- und Wanderwege, Strandaufgänge, Vögel und Strandhafer. Die See wird ständig vermessen und die Küste technisch überwacht. Der alte Deich verschwand größtenteils unter Millionen Kubikmetern Sand.

Doch das historische Verhältnis zwischen hohem Wasser und niedrigem Land bleibt spürbar.

Wenn der Wind auffrischt, leert sich der Strand. Sand schießt über die Wege und der Himmel sinkt zum Horizont. Hinter den Dünen liegt der Polder noch immer niedrig. Von der Küste aus ist zu verstehen, weshalb Sturm, Verlust und Beschuldigung einst in denselben Geschichten zusammenkamen.

Die Hexe aus dem Hasepolder muss daher nicht aus den Dünen hervortreten. Ihre Anwesenheit liegt nicht in einem Besen, einem Kessel oder übernatürlichen Fußspuren. Sie bleibt in der Erinnerung an eine Frau, die vielleicht ausgewählt wurde, weil ihre Umgebung eine Erklärung für das suchte, was sich nicht beherrschen ließ.

Wer hier geht, sieht Sand, Wasser, Gras und eine sorgfältig verteidigte Landschaft. Doch bleiben Sie stehen, wenn der Wind von See kommt. Hören Sie auf die Wellen und blicken Sie zum niedrigen Land hinter den Dünen. Stellen Sie sich dann nicht nur die vermeintliche Hexe vor, sondern vor allem die Menschen, die ihren Namen zu flüstern begannen.

Dieses Flüstern allein konnte wirklich gefährlich werden.

Weiter entdecken?

Entdecken Sie weitere seltsame Geschichten

Von alten Sagen und Spukgeschichten bis zu rätselhaften Ereignissen und lokalen Legenden, die noch immer mit einem realen Ort verbunden sind.

Alle seltsamen Geschichten ansehen