Die Geschichte dieses Ortes
Ein Räuber mit vielen Namen
An der Elandsgracht scheint nichts mehr flüstern zu wollen.
Die Straße ist gewöhnlich geworden. Radfahrer fahren vorbei. Verkehr bewegt sich zwischen Backsteinfassaden und Fenstern. Menschen sind auf dem Weg zur Arbeit, in ein Geschäft oder nach Hause. Wer die Geschichte nicht kennt, sieht keine Räuberhöhle und keine verborgene Unterwelt. Nur ein Giebelstein erinnert an den Namen, der an diesem Ort haften blieb: Sjako.
Er wurde auch Jaco, Sjaco oder Sjakoo genannt. Hinter diesen Namen stand Jacob Frederik Muller, ein in Hamburg geborener Räuber, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts in und um Amsterdam aktiv war. Der historische Muller war kein unschuldiger Volksheld. Sein Name war mit Diebstahl, gewaltsamen Überfällen und Angst verbunden. Menschen wurden beraubt und misshandelt. Bei manchen Überfällen gab es Tote.
Nach seiner Festnahme und Hinrichtung blieb er jedoch nicht nur als Verbrecher in Erinnerung. Um seinen Namen entstand ein zweiter Sjako: ein Mann, der schneller verschwand, als Gerichtsdiener suchen konnten, geheime Ausgänge kannte und sich angeblich in einem Labyrinth aus Hinterhäusern an der Elandsgracht versteckte.
Das Fort von Sjako
Dort begann das Fort von Sjako.
Wie dieser Gebäudekomplex tatsächlich aussah, lässt sich schwer feststellen. Spätere Erzählungen machten daraus ein beinahe uneinnehmbares Versteck. Hinter gewöhnlichen Fassaden sollen Zimmer, Innenhöfe, Keller und Hinterhäuser miteinander verbunden gewesen sein. Eine Tür führte nicht nach draußen, sondern in einen weiteren Raum. Ein Schrank konnte einen Durchgang verbergen. Unter einem Boden soll sich eine Luke befunden haben. Wer glaubte, Sjako eingeschlossen zu haben, stellte fest, dass der Räuber bereits anderswo aufgetaucht war.
Die Stadt legte ihm in den Erzählungen immer neue Gänge an.
Stellen Sie sich die Elandsgracht in einer dunklen Nacht vor. Draußen stehen Gerichtsdiener mit Laternen. Es wird an eine Tür geschlagen, zuerst einmal und dann härter. Eine Stimme befiehlt zu öffnen. Drinnen bleibt es still.
Dann hört man Holz über Holz gleiten.
Ein Brett wird angehoben. Eine Luke fällt zu. Jemand hält den Atem an. Als die Männer schließlich hineinstürmen, ist das Zimmer noch warm. Sie suchen unter Betten und hinter Vorhängen. Sie öffnen Schränke und Türen. Sjako ist verschwunden.
Ob solche Fluchten genau so stattfanden, lässt sich nicht mehr beweisen. Das Fort wurde vor allem in der Überlieferung groß. Darin kannte Sjako jedes Hinterhaus und jeden Fluchtweg. Die schmalen Grundstücke, Innenhöfe und unübersichtlichen Hinterhäuser der Jordaan bildeten einen glaubwürdigen Hintergrund. Den Rest konnten die Erzähler ergänzen.
Vom Räuber zum Volkshelden
So wurde aus einem tatsächlich gefährlichen Räuber langsam eine Figur, die größer war als ihr eigenes Leben.
In manchen Geschichten stahl Sjako vor allem von Reichen und half armen Bewohnern. Er soll seine Gefährten nicht verraten und sich gegen eine ungerechte Obrigkeit gestellt haben. Für dieses Bild gibt es wenig gesicherte historische Grundlage. Es ähnelt vielmehr der Art, wie Volksgeschichten einen Verbrecher später in einen rebellischen Helden verwandeln können.
Dieses romantische Bild darf seine Opfer nicht auslöschen. Der historische Sjako gehörte zu einer Bande, die Bauernhöfe und Häuser überfiel. Wer ihn nur als Amsterdamer Robin Hood darstellt, macht aus wirklicher Gewalt ein reizvolles Abenteuer. Die Angst, die sein Name auslöste, war nicht erfunden.
Gerade diese Angst erklärt jedoch, weshalb die Geschichte weiterwuchs.
Amsterdam war eine Stadt voller Tore, Gassen, Speicher, Hinterzimmer und Keller. Die Grenze zwischen Wohnung, Werkstatt und Versteck konnte dünn sein. Für Menschen außerhalb des Gesetzes bot die Stadt viele Möglichkeiten unterzutauchen. Für Bewohner, die von ihnen erzählten, wurde jedes dunkle Hinterhaus zu einem möglichen Durchgang.
An der Elandsgracht erhielt Sjako daher ein Fort ohne Mauern oder Türme. Es bestand aus Rauch, niedrigen Decken, knarrenden Böden und Türen, von denen niemand wusste, wohin sie führten. In den Geschichten lagen dort Werkzeuge, Waffen und gestohlene Waren. Kinder wurden nach Einbruch der Dunkelheit ins Haus gerufen. Türen wurden verriegelt, wenn sein Name fiel.
Das Fort wurde damit mehr als ein Gebäude. Es wurde zu der Vorstellung, dass eine gewöhnliche Straße eine geheime Rückseite besitzen konnte. Hinter einer ordentlichen Fassade konnte sich ein Raum befinden, von dem der Schout nichts wusste. Ein Haus konnte innen größer wirken als außen. Die Stadt selbst wurde zu einem mitwissenden Labyrinth, das Sjako immer wieder verschwinden ließ.
Eine Geschichte, die nicht verschwand
Doch schließlich fand ihn das Gesetz.
Sjako wurde verhaftet und verurteilt. 1718 endete sein Leben auf dem Nieuwmarkt. Er wurde gerädert und enthauptet. Die Strafe war bewusst öffentlich und abschreckend. Sein gebrochener Körper sollte zeigen, dass die Obrigkeit stärker war als der Räuber und niemand dem Gericht für immer entkommen konnte.
Es war ein makabres Ende, aber nicht das Ende seines Namens.
Ein Körper konnte gebrochen werden. Eine Geschichte nicht.
Nach seinem Tod ging Sjako in Chroniken, Erzählungen und im Gedächtnis der Stadt weiter um. Gegenstände, die mit ihm in Verbindung gebracht wurden, wurden aufbewahrt oder gezeigt. Das Fort blieb bestehen, nachdem die wirklichen Gebäude verändert oder verschwunden waren. Die alte Bebauung an der Elandsgracht wurde abgerissen und erneuert. Gerade dadurch bekam die Vorstellungskraft noch mehr Raum.
Was verschwunden ist, kann unendlich viele Zimmer erhalten.
Der Giebelstein an der Elandsgracht ist heute der greifbare Anker. Er zeigt, wo das Fort in der Überlieferung gesucht wurde, beweist aber nicht, dass dort tatsächlich ein spektakuläres unterirdisches Netz von Fluchtgängen lag. Der Unterschied zwischen historischem Ort und Legende schwächt die Geschichte nicht. Er zeigt vielmehr, wie die Stadt einen wirklichen Räuber zu einer Figur umbaute, die durch Mauern verschwinden konnte.
Wer seinen Namen kennt, betrachtet die Straße anders. Ein Fenster wird für einen Augenblick zum Ausguck. Eine schmale Tür scheint in ein Hinterhaus zu führen, das tiefer ist, als es sein dürfte. Hinter einer Fassade könnte ein Brett zur Seite gleiten. Nicht weil es nachweislich geschah, sondern weil die Geschichte die Straße neu eingerichtet hat.
Sjako bleibt dadurch zwischen zwei Bildern gefangen. Er war ein gewalttätiger Verbrecher und wurde zugleich zur Stadtlegende. Er verbreitete wirkliche Angst, gewann später jedoch Bewunderer. Sein historisches Leben endete auf dem Schafott. Sein zweites Leben begann dort vielleicht erst.
Gehen Sie an der Elandsgracht entlang, wenn das Licht aus der Straße weicht. Sehen Sie sich den Giebelstein und die Häuser ringsum an. Stellen Sie sich nicht nur den Räuber vor, sondern auch die Menschen, die seinen Namen weitergaben. Jeder Erzähler fügte eine Tür, eine Luke oder eine weitere Flucht hinzu.
Dann kehrt das Fort noch einmal zurück.
Nicht als bewiesenes Gangsystem und nicht als romantisches Räubernest. Als dunkle Schicht unter einer gewöhnlichen Straße. Eine Laterne bewegt sich an einem Fenster vorbei. Draußen klingen Stiefel. Drinnen gleitet irgendwo Holz über Holz.
Eine Luke fällt zu.
Als die Tür aufgebrochen wird, ist das Zimmer leer.